Prof. Dr. Hans G. Graf, St. Gallen, Schweiz
Die Aufgabe des Managements (einer Unternehmung, in der (öffentlichen) Verwaltung, in Verbänden usw.) ist im Wesentlichen eine zweifache: einerseits geht es um Menschenführung, andererseits bedeutet Führen entscheiden. Entscheidungen treffen hat erneut zwei Seiten: zum einen ist jeder Entscheid zukunftsbezogen; man will etwas erreichen, das in der Zukunft liegt, bzw. man will sich an etwas anpassen, das in der Zukunft erwartet wird. Zweitens benötigt man – wenn man verantwortungs-bewusst entscheiden will – Informationen sowohl über die Vergangenheit (wo man herkommt), die Gegenwart (wo stehe ich?), insbesondere aber über die Zukunft (was sind mögliche Entwicklungen? Wo will ich hin?). Ohne Vorschau ist keine Entscheidung möglich. Dabei ist festzuhalten, dass jeder Entscheid eine Wahl aus verschiedenen Möglichkeiten darstellt. Wenn man demnach verantwortlich entscheiden will, sollte man die möglichen Alternativen, die die Zukunft bereit hält, auch kennen. Die Zukunftsforschung will einen Beitrag zur Verbesserung der Entscheidungsgrundlagen liefern, wobei aus wirtschaftlicher Optik die strategisch/normative Entscheidungsebene im Vordergrund steht. Bedauerlicherweise wird den Kurzfristprognosen häufig grösseres Gewicht beigemessen: wir leiden geradezu an kurzfristigem Denken sowohl in Wirtschaft als auch in Politik. Das Ausblenden sich abzeichnender langfristiger Entwicklungen führt unausweichlich zu Problemen. Seit langem erkannte Tendenzen wie z.B. in der demographischen Entwicklung, bei Umwelt und Ressourcen, bezüglich der Globalisierung etc. können als Beispiele nur angedeutet werden.
Mit Blick auf die zunehmende Internationalisierung aller menschlichen Aktivitäten stehen die
westlichen Industrieländer heute an einem Wendepunkt. Erstmals seit rund 200 Jahren übersteigt
die Produktionsleistung der sog. Entwicklungsländer (emerging countries) diejenige
der OECD-Region. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen, da der Bevölkerungsanteil
im OECD-Raum (derzeit rund 17%) laufend weiter sinkt und weil die Zahl der Erwerbstätigen
ebenso wie deren Qualifikation in den emerging countries noch weiterhin stark zunimmt.
Welche Rolle Europa mit seinen verwöhnten Spass-, Event- und Rentnergesellschaften im
globalen Konzert inskünftig spielen wird, ist zu einem hohen Grad vom eigenen Gestaltungswillen
abhängig. Hierzu muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die langfristige Zukunft durch unsere Entscheidungen beeinflusst werden kann, abwarten und nichts Tun nur Schaden stiften. Die sorgfältige Durchleuchtung zukünftiger Alternativen sowie die bewusste Wahl eines Wegs in die Zukunft und schliesslich die Durchsetzung der erforderlichen Entscheidungen sind die notwendige Voraussetzung, damit wir nachhaltig im voranschreitenden Globalisierungsprozess bestehen können.