Internationaler Kongress und Ausstellung

Forum Life Science 2007

14./15. Februar 2007, Technische Universität München, Garching

Bericht

Führender Life Science-Kongress in Europa

  • Individualisierung in Pharma und Ernährung
  • Biotechnologische Revolution in der Chemie-Industrie
  • Forum mit 1.000 Teilnehmern aus 20 Ländern in Garching
  • Eröffnungsrede durch Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber

Mit 1.000 Teilnehmern aus 20 Ländern, 66 Referenten und 110 Ausstellern hat das 5. „Forum Life Science“ am 14. und 15. Februar 2007 an der Technischen Universität München in Garching einen neuen Rekordzuspruch erfahren. Dies spiegelt das große Interesse an der Biotechnologie und ihren wachsenden Einsatzmöglichkeiten in verschiedensten Bereichen der Life Sciences wider. Es ist aber auch Ergebnis der achtjährigen Entwicklung des internationalen Netzwerkes „Life Science Bavaria“.

Staatsminister Erwin Huber zeigte sich erfreut und beeindruckt über das gezielte Zusammenführen innovativer Unternehmen und Institute von Pharma, Ernährung und Chemie aus Europa, Nordamerika, Asien und Australien. Durch Kooperationen der Unternehmen untereinander sowie mit der Wissenschaft würden neue Technologien und Produkte entwickelt und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in Bayern gesteigert.

Präsident Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann wies auf die interdisziplinäre Ausrichtung der TU München speziell für die Life Sciences hin: mit Wissenschaftszentrum, Ingenieurwissenschaften, Medizin und benachbarten Disziplinen. Er sieht auch zukünftig die TU München als den idealen Austragungsort für diesen Kongress der Bayern Innovativ GmbH.

Die Plenarvorträge, u. a. von Dr. Alfred Oberholz (Degussa), Dr. Helmut O. Maucher (Nestlé), Prof. Dr. Günther Wess (GSF), Prof. Dr. Horst Domdey (Sprecher Cluster Biotechnologie), Dr. Tim Jaeger (Hoffmann-La Roche) und Dr. Stephan Feldhaus (Siemens Medical Solutions), spannten den Bogen von der biotechnischen Entwicklung hochspezifischer Pharmazeutika über neuartige Lebensmittel bis hin zur Biotechnologie in der chemischen Industrie.

Folgende Kernaussagen lassen sich in Kurzform treffen: Die Gesundheitsversorgung sowie eine ausreichende Bereitstellung nachwachsender Rohstoffe werden zu den Mega-Herausforderungen der Zukunft gehören. Dies gilt in Anbetracht der demographischen Entwicklung und der Zunahme der Weltbevölkerung.

Das neue Wissen um biologische Zusammenhänge auf molekularer Ebene ermöglicht eine nahezu unbegrenzte Vielfalt neuer Produkte und wird besondere Wachstumschancen mit individualisierten
Pharmaerzeugnissen sowie mit spezifischen Nahrungsmitteln für bestimmte Konsumentengruppen eröffnen. Die Biotechnologie als der „Werkzeugkasten der Natur“ wird zukünftig noch stärker für die Erzeugung chemischer Zwischen- und Endprodukte genutzt werden. Dies wird auch auf den Markt der Massenchemikalien Einfluss nehmen. Zudem erlaubt die Biotechnologie eine teilweise Abkehr vom Erdöl hin zu nachwachsenden Rohstoffen.

Die grüne Gentechnik gewinnt dabei weiter an Bedeutung. Heute werden weltweit auf 100 Millionen Hektar gentechnisch modifizierte Pflanzen angebaut; in Deutschland sind es gerade
einmal 500 Hektar. Aber es wird gelten, den steigenden Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen gezielt abzudecken, einerseits für Nahrungsmittel mit ernährungsphysiologisch wertvollen
Inhaltsstoffen und andererseits für die Chemie-Industrie als Ausgangsmaterial mit maßgeschneiderten Eigenschaften.

Medikamentenentwicklung – Neue Waffen gegen Krebs
Der Sektor „Drug Development“ stellte aktuelle Strategien der Pharma-Entwicklung, Konzepte für eine personalisierte Medizin sowie Technologien für zellbasierte Therapie vor.

In der Vergangenheit wurde eine Vielzahl von Patienten mit gleichen Symptomen mit denselben Arzneimitteln behandelt. In Zukunft werden individuelle Therapien erwartet, zugeschnitten auf die genetische Disposition verschiedener Patientengruppen. Möglich wird dies vor allem durch die Aufklärung von Krankheitsmechanismen auf molekularer Ebene sowie durch die Analyse des individuellen genetischen Profils. Wichtige Voraussetzung ist eine enge Verzahnung von spezifischer Diagnostik und Therapie. Beispiele stellte Dr. Thomas Baier von Roche vor: So identifiziert ein Test auf den Tumor-Wachstumsfaktor HER2 bestimmte Typen des Brustkrebs und ist Voraussetzung für die Antikörperbehandlung mit Herceptin. Der Identifizierung neuer,
krankheitsrelevanter Biomarker komme eine besondere Bedeutung zu, betonte auch Dr. Ramani Ayer von Nicolas Piramal (Mumbai, Indien).

Einen neuen Mechanismus nutzt Prof. Dr. Frank Lyko vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er identifizierte Methylierungsmuster von Genen, die das Zellwachstum regulieren. In Krebszellen ist dieses „Muster“ verändert, das Wachstum außer Kontrolle. Ein von Lyko gefundener Wirkstoff normalisiert die Methylierung der Kontrollgene, das Tumorwachstum wird vermindert. Von dieser zweiten Generation epigenetischer Wirkstoffe erhoffen sich  Pharmakonzerne neue Blockbuster-Medikamente gegen Krebs.

Gesundheitsfördernde Nahrungsmittel – Markt für qualitatives Wachstum
Als eines der ersten Unternehmen hat sich Nestlé auf Ernährung und Gesundheit ausgerichtet. Aktivitäten des firmeneigenen Forschungszentrums präsentierte dessen Direktor Prof. Dr. Peter van Bladeren. Eine der Herausforderungen ist ein gleich bleibendes oder verbessertes Geschmackserlebnis trotz der Veränderung von Nahrungsmitteln, z. B. durch gesundheitsfördernde Zusätze wie Ballaststoffe, die Zugabe von probiotischen Kulturen
oder Soja, den Entzug von Fett und Zuckeranteilen oder von Milch-Laktose. Neueste Ergebnisse erläuterten u. a. Dr. Bruce Lee (CSIRO, Australien), Prof. Dr. Tiina Mattila-Sandholm (Valio
Ltd, Finnland) und Gert Keiner (DuPont, Deutschland).

Wichtige Forschungsergebnisse zeigten der Philip-Morris-Preisträger Prof. Dr. Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum, der die molekularen Grundlagen des Riechens und Schmeckens erforscht, sowie Prof. Dr. Thomas Hofmann vom neuen Lehrstuhl für Lebensmittelchemie und Molekulare Sensorik der TU München in Freising-Weihenstephan.

Die Wechselwirkung zwischen Genom und Ernährung untersucht die Nutrigenetik. Sie soll genetisch bedingte Variabilität aufklären, die zu Unterschieden im Stoffwechsel führt, wie z. B. bei der Fettstoff-Aufnahme, dem Cholesterin-Metabolismus oder der Laktose-Intoleranz. Unterschiede im Genom konnten zwischen Individuen gefunden werden, aber auch weltweit zwischen
Populationen der Kontinente. Neue Erkenntnisse für maßgeschneiderte Produkte der Ernährungsindustrie stellten Dr. Rosalynn Gill-Garison (Sciona Inc., USA) und Dr. Laurence Parnell von der Tufts University Boston (USA) vor.

Industrielle Biotechnologie – Ein Milliardenmarkt
Die industrielle Umsetzung der weißen Biotechnologie gewinnt erheblich an Dynamik. Treiber sind die Bereiche Biokraftstoffe, Biopolymere, pharmazeutische Zwischenprodukte, Zusatzstoffe
für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie die Kosmetikindustrie.

Die wirtschaftlichen Potenziale aussichtsreich positionierter Unternehmen sind außerordentlich hoch. Zum Beispiel hat sich die Südzucker-Gruppe über das Produkt Zucker hinaus zu einem weltweit operierenden Nahrungsmittelkonzern mit intensiver Nutzung biotechnologischer Verfahren entwickelt. Alleine für die Verarbeitung und vielfältigen stofflichen Modifikationen unterschiedlicher Agrar-Rohstoffe werden bei Südzucker jährlich 10 Millionen Euro für den Enzym-Einsatz aufgewendet. Bei der Wacker Chemie AG betrachtet man die Biotechnologie als Innovationsmotor der chemischen Industrie und als Chance, sich im globalen Wettbewerb zu differenzieren, z.B. durch Produktveredlung wie bei der Synthese von chiralen Alkoholen.

Das Verständnis der Biotechnologie ermöglicht aber auch eine Weiterentwicklung der Katalyse in der klassischen Chemie, die zu biologisch abbaubaren Produkten führen kann. Dies demonstrierte
Dr. Gerrit Luinstra von der BASF, einer der Philip-Morris-Forschungspreisträger des Jahres 2006.

Auf dem Forum war ein weites Spektrum renommierter Unternehmen vertreten, darunter Akzo Nobel, BASF, Baxter, Bayer, Bionorica, Boehringer Ingelheim, BRAIN, Cargill, Carl Zeiss Imaging, Clariant, Danisco, Degussa, Dornier Medtech, Dow Agro Chemicals, DSM, Fresenius, GE HealthCare, Geneart, GPC Biotech, GSK, Henkel, Hipp, Kraft Foods, Linde-KCA-Dresden,
Merck, MorphoSys, Nycomed, Procter + Gamble, Roche Diagnostics, Sandoz, Sanofi-Aventis, Sartorius, Siemens AG Medical Solutions, Süd-Chemie, Wacker. Forschungseinrichtungen repräsentierten u.a. BayFOR, BayGene, Fraunhofer-Institute, Kompetenzzentren für Medizin
und für Fluoreszente Bioanalytik; des Weiteren beteiligten sich Universitäten aus Erlangen, Bayreuth, Regensburg, Würzburg, München, Berlin und Wageningen, die GSF, Forschungszentren
aus Jülich, Karlsruhe und Prag, sowie Fördergesellschaften und Bundesministerien.

110 Aussteller präsentierten ihre zukunftsweisende Technologie- und Entwicklungskompetenz.

Ein besonderes Ereignis bildete der Abendempfang am 14. Februar 2007 im Kaisersaal der Münchner Residenz, den das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr
und Technologie und die Bayern Innovativ GmbH für die Teilnehmer aus aller Welt ausrichteten.

Der Kongress wurde umfassend unterstützt vom Bayerischen Wirtschaftsministerium. Als Partner eingebunden waren die Technische Universität München, die DECHEMA e.V., der Verband der Chemischen Industrie, die Bioregionen in Bayern und das Forum MedTech Pharma e.V. sowie
das Britische und das Niederländische Generalkonsulat.

Um den Kongress gruppierte die Bayern Innovativ GmbH weitere Veranstaltungen, die zusätzliche Teilnehmer anzogen, so z. B. den ersten Workshop für das EU-Projekt Transbio, das One-on-One MedTech–Pharma–Biotech, einen Informationsworkshop zu Life Sciences im 7. EU-Forschungsrahmenprogramm und den vdbiol-Jobtag. Insider sprachen deshalb erstmals von
„Life Science-Tagen“ in München.

Vorträge mit Charts sind im Internetportal der Bayern Innovativ unter Kongress-TV abrufbar.

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