
PD Dr. Roland Kreutzer, Geschäftsführer, Roche Kulmbach GmbH, Kulmbach
Die RNA-Interferenz (RNAi) wird derzeit als eine der aussichtsreichsten Plattformtechnologien für die Entwicklung neuartiger Medikamente angesehen. Man erwartet, dass die RNAi eine ähnliche Bedeutung für die moderne Medizin erlangt wie therapeutische Antikörper.
Roche hat das große Potenzial der RNAi-Technologie erkannt. Durch eine umfassende Lizenz der amerikanischen Biotechnologie-Firma Alnylam Pharmaceuticals an der RNAi-Technologie sowie die Übernahme von Alnylam’s deutscher Einheit in Kulmbach hat sich Roche kürzlich Zugang zu dieser Technologie verschafft. Im Kulmbacher „Center of Excellence for RNA Therapeutics“ arbeitet ein
Team von Forschern, das weltweit die längste Erfahrung auf dem Gebiet der RNAi-Therapeutika hat (seit 2000), an der Entwicklung von Medikamenten gegen Stoffwechsel-, Krebs- und Entzündungserkrankungen.
Bei der RNAi, für deren Entdeckung der Nobelpreis für Physiologie und Medizin im Jahr 2006 verliehen wurde, wird ein höchst effizienter zellulärer Prozess in Gang gesetzt, der in sehr spezifischer Weise zum Stummschalten eines Gens führt. Viele Krankheiten beruhen auf der Bildung von unerwünschten Proteinen (z.B. bei viralen Infektionen), sowie solchen, die von mutierten oder überexprimierten Genen geliefert werden (z.B. bei onkologischen Erkrankungen). Mit Hilfe von chemisch synthetisierten short interfering RNAs (siRNAs) als Auslöser für die RNAi lässt sich die Expression solcher krankheitsassoziierter Gene selektiv herunterregulieren. Da die RNAi auf einer frühen Ebene der Genexpression eingreift, kann die Krankheit „an der Wurzel gepackt“ werden, bevor schädliche Proteine überhaupt gebildet werden. Inzwischen befinden sich schon die ersten siRNA-Therapeutika in klinischen Studien, für etliche weitere wurde ein Antrag auf den Eintritt in die klinische Prüfung gestellt. Es wird jedoch noch einige Jahre dauern, bevor erste RNAi-Medikamente auf den Markt kommen, auch wenn man davon ausgeht, dass die Entwicklungszeiten bei Medikamenten auf Basis der RNAi-Plattform kürzer sind als bei den herkömmlichen Technologien.