Kooperationsforum

Natürliche Inhaltsstoffe

Ernährung, Gesundheit, Funktionalität
20. Oktober 2011, Traunreut/Chiemgau

Bericht

Verbrauchertrend Natürlichkeit eröffnet neue Wachstumschancen

  • Natürlichkeit der Produkte hat hohe Priorität bei Verbrauchern
  • Neue Erkenntnisse über funktionelle Inhaltsstoffen in Kaffee, Gewürzen
    und Getreide
  • Schonende Extraktions- und Analytikverfahren für Inhaltsstoffe
  • 140 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz

Die Natürlichkeit von Produkten bleibt weiterhin eines der wichtigsten Kriterien der Verbraucher beim Kauf von Lebensmitteln. Natürliche Inhaltsstoffe zum Beispiel als Aroma- oder Farbstoffe gewinnen an Bedeutung. Neue Technologien ermöglichen die Identifizierung, Gewinnung und Analyse einer Vielzahl von natürlichen Inhaltsstoffen und ihre Anwendung bei der Herstellung neuer Produkte. Aktuelle Erkenntnisse aus den Biowissenschaften über die Wirkung pflanzlicher Inhaltsstoffe auf den mensch-lichen Organismus tragen dazu bei das gesundheitsfördernde Potential für neue Produktentwicklungen zu nützen.

Im Rahmen des Kooperationsforums „Natürliche Inhaltsstoffe - Ernährung, Gesund-heit, Funktionalität" im Kongresszentrum k1 am 20. Oktober in Traunreut informierten sich 140 Teilnehmern über aktuelle Technologien und Entwicklungen im Bereich der natürlichen Inhaltsstoffe. Unterstützt wurde das Forum durch die Wirtschaftsför-derungs GmbH des Landkreises Traunstein und den Regionalen Planungsverband Südostoberbayern.

Der Landrat des Landkreises Traunstein Hermann Steinmaßl und der Erste Bürger-meister der Stadt Traunreut Franz Parzinger begrüßten zur Eröffnung des Forums die Teilnehmer im Chiemgau, das als Gesundheitsregion die Themen Ernährung, Präven-tion und Gesundheit in den Mittelpunkt stellt. Josef Nassauer, Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH, stellte die Schwerpunkte des Forums vor und wies in seiner Einführung darauf hin, dass trotz Medienberichten über Skandale in der Lebensmittel-industrie der Standard unserer heutigen Lebensmittel auf einem sehr hohen Niveau ist.

 

Natürlichkeit liegt im Trend

Der Trend nach Natürlichkeit der Produkte hat beim Verbraucher einen sehr hohen Stellenwert und entsteht aus mehreren Subtrends, u. a. Transparenz, Ehrlichkeit, Rückverfolgbarkeit und ‚back to basics‘. Da der Verbraucher ein steigendes Bewusst-sein für qualitativ hochwertige sowie gesunde Nahrungsmittel entwickelt und auf vielfältige Informationsquellen zurückgreifen kann, ist die Kenntnis der Verbraucher-bedürfnisse (consumer needs), die Entwicklung neuer technologischer Verfahren, um den Wünschen gerecht zu werden und die richtige Kommunikation des Produkts (z. B. Clean Label) von großer Bedeutung für die Lebensmittelindustrie. Dabei ist die Ein-fachheit eines Lebensmittels und dessen Kennzeichnung entscheidend, damit der Konsument den Nutzen versteht und somit ein Produkt erfolgreich platziert werden kann, wie Dr. Martin Michel vom Nestlé Research Center in Lausanne erläuterte.
Die Kenntnis der Verbraucherbedürfnisse gewinnt zunehmend an Bedeutung. Inga Haubold von der Rudolf Wild GmbH betonte die zunehmende Bedeutung eines ‚Clean Label‘, also die Kennzeichnung, dass keine Konservierungsstoffe, Geschmacks-verstärker oder künstliche Zusätze wie Aromastoffe dem Lebensmittel zugesetzt wurden. Darüber hinaus stellte sie die Entwicklungspotenziale natürlicher Inhalts-stoffe und Produkte im Getränkebereich vor. Getränke mit natürlichen und gesund-heitsfördernden Inhaltsstoffen liegen im Trend, aber auch funktionelle Wasser haben große Wachstumschancen. In Kooperation mit Adelholzener Alpenquellen, dem euro-paweit größten Produzenten von funktionellem Wasser, wurde Active O2 mit Calcium- und Magnesiumzusatz entwickelt. Weitere Beispiele sind neue kalorienarme Ge-tränke, die mit natürlichem Süßstoff aus der südamerikanischen Kulturpflanze Stevia gesüßt werden, Kokosmilchprodukte sowie sogenannte ‚adult soft dinks‘ wie z. B. alkoholfreie Malzgetränke.

 

Regionalität und Nachhaltigkeit

Ernährungsbedingte Erkrankungen stellen eine große Herausforderung für die moderne Gesellschaft dar. Diesen Krankheiten kann ein Mangel an Nährstoffen wie z. B. Micronutrients zu Grunde liegen. Basierend auf regionalen Rohstoffpflanzen wie Getreide, Kartoffeln oder Gräsern wurden von der vis vitalis gmbh Lebensmittel-produkte entwickelt, die mit Vitaminen oder Spurenelementen angereichert sind, um den Nährstoffmangel auszugleichen, wie Geschäftsführer Norbert Fuchs darstellte.
Die Verwendung regionaler Rohstoffe ist eines von mehreren Kriterien für Nachhal-tigkeit in der Lebensmittelproduktion. Der Verbraucher assoziiert die Frische von Produkten mit Regionalität wie Prof. Dr. Katrin Bach vom MCI Management Center Innsbruck ausführte.

 

Technologien für Extraktion, Analytik und Produktion natürlicher Inhaltsstoffe

Die Entwicklung neuer natürlicher und funktioneller Inhaltsstoffe erfordert geeignete Verfahren zur Gewinnung, Aufkonzentrierung und Analytik. Dr. Ralf Kahleyss stellte die Aktivitäten der Evonik Industries AG dar. Am Sitz in Trostberg wird die Methode der CO2-Extraktion weiterentwickelt und an die verschiedensten Rohstoffe ange-passt. So kann die Technologie zur Extraktion von Fruchtaromen, phytopharma-zeutischen Wirkstoffen und zur Entfettung eingesetzt, aber auch für die Entkoffei-nierung, Pestizid- und Keimentfernung verwendet werden.
Eine schonende Technologie zur Aufkonzentrierung von Inhaltsstoffe auf Basis osmotischer Destillation stellte Dr. Fabrice Gascons Villadomat vom französischen Technologieunternehmen Ederna vor.
Ein hochsensitives Verfahren zur Analytik von Biomolekülen ist die Detektion durch Laser-induzierte Fluoreszenz. Diese Technologie kann zur Qualitätskontrolle im Lebensmittelbereich oder bei der Medikamentenentwicklung eingesetzt werden, wie Dr. Pierre Naccache, Geschäftsführer von Picometrics, erläuterte.
Felix Lenk, Institut für Lebensmittel- und Bioverfahrenstechnik an der Technischen Universität Dresden, präsentierte ein biotechnologisches Verfahren zur effizienten Gewinnung von pflanzlichen Inhaltsstoffen in Bioreaktoren mittels Haarwurzel- und Kalluskulturen.

 

Vom Inhaltsstoff zum Vermarktungskonzept

Auf welche Weise verschiedenste Gewürze ihre Anwendung in der Lebensmittel-produktion, z. B. in der Fleisch- und Wurstproduktion finden können, zeigte Marcus Winkler, Eigentümer von WIBERG GmbH aus Salzburg, anhand einiger Beispiele wie die Verwendung von Rosmarinextrakt als natürliches Antioxidationsmittel oder durch die Anreicherung mit Omega-3-Fettsäuren und Phytosterinen auf.
Thomas Steinke schilderte die Entstehung der Dinzler Kaffeerösterei und die Um-setzung des erfolgreichen Konzepts der Erlebniswelt, das auf drei wesentlichen Bestandteilen aufbaut: die Herstellung von hochwertigem Kaffee, ein ganzheitliches Gastronomiekonzept und die beeindruckende Schaurösterei. Alle drei Bereiche tragen dazu bei, dass die Kaffeerösterei sich über ihre Grenzen hinaus entwickelt. Die Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH aus Traunreut hat in Kooperation mit der Dinzler Kaffeerösterei Kaffeevollautomaten entwickelt, wie Alexander Thiem verdeutlichte.

 

Biofunktionalität und Wirkung auf den menschlichen Organismus

Kaffee ist nicht nur ein Genussmittel. Die rund 1000 verschiedenen Inhaltsstoffe, die bei der Röstung entstehen, können einen gesundheitsfördernden Effekt haben. Dr. Roman Lang vom Lehrstuhl für Lebensmittelchemie und Molekulare Sensorik der Technischen Universität München stellte in seinem Vortrag vor, wie man einzelne Inhaltsstoffe identifiziert und deren Wirkung auf den menschlichen Organismus un-tersucht. In diesen Studien konnte gezeigt werden, dass Kaffee antioxidative Wirkung besitzt, einerseits durch die Bildung von körpereigenem Glutathion nach Kaffeekonsum, andererseits durch Kaffeeröstprodukte wie N-Methylpyridinium.
Ein Ansatz neue bioaktive Inhaltsstoffe in natürlichen Rohstoffquellen zu identifizieren beruht auf der Anwendung von Screeningmethoden aus der Pharmaforschung. Dr. Jana Moldenhauer stellte die Aktivitäten der Intermed Discovery vor, die eine der weltweit größten Bibliotheken von Pflanzenextrakten für die Wirkstoffsuche nutzt. Aktuell besteht eine Nachfrage nach ‚Brain Food‘, Nahrungsmittel mit Inhaltsstoffen, die stimmungsaufhellend sind oder sich vorteilhaft auf die Gedächtnisleistung aus-wirken. Bei Intermed Discovery wurde eine solche Substanz in einer südostasia-tischen Frucht identifiziert, die ein Enzym des zentralen Nervensystems inhibiert. Dadurch wir die Konzentration an Neurotransmittern erhöht, was sich positiv auf die Stimmung und das Gedächtnis auswirkt.
Das französische Unternehmen Phodé hat einen ähnlichen Ansatzpunkt, wie Maxime Champagnac in seinem Vortrag ausführte. Ziel der Forschungsarbeiten ist es funk-tionelle Inhaltsstoffe zu entwickeln, die über den Geruchssinn den Appetit anregen, stresslösend wirken und sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken. Mögliche An-wendungen finden sich in der Tierernährung und beim Menschen, z. B. Lebensmittel zugeschnitten auf Patienten, die mit Chemotherapie behandelt werden oder an Alzheimer erkrankt sind.
Schließlich stellte Prof. Dr. Dieter Benatzky, Koordinator der Gesundheitsregion Südostoberbayern das Konzept vor, die Region Chiemgau zu einer Gesundheitsregion zu entwickeln. Aufbauend auf den schon vorhandenen Einrichtungen der Gesund-heitswirtschaft sollen Unternehmen und Einwohner in dieses Konzept integriert und vernetzt werden, um ein Bewusstsein für Prävention, gesunde Ernährung und Lebensqualität zu ermöglichen.

Die Vorträge zeigten, dass ein großes Entwicklungspotential für natürliche und funktionelle Inhaltsstoffe in dem Bereich der Lebensmittel besteht, aber auch auf die Segmente Phytopharmaka und Kosmetika sowie auf Futtermitteln zutrifft. Das Forum bot eine ideale Plattform für den Kontakt zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, zwischen Dienstleistern, Forschern, Anwendern und Produzenten entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

 

Teilnehmerspektrum, Fachausstellung und Rahmenprogramm

Die Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz kamen von Unternehmen der gesamten Wertschöpfungskette natürlicher Inhaltsstoffe wie z. B. aus den Bereichen Chemie (Wacker Chemie, DuPont, Roquette, Lonza), Biotech (B.R.A.I.N., Eurofins Medigenomix, Cfm Oskar Tropitzsch), Inhaltsstoffe (Denk Ingredients, DSM Nutritional, AKRAS Flavours, NateCO2), Analytik (Thermo Fisher Scientific, Phytolab, Picometrics, LipoFIT Analytic) und Anwendungen in den Bereichen Lebensmittel, Phytopharmaka und Kosmetik (Danone, Hipp, Bionorica, Martin Bauer, Rovita, Leimer, Alpenhain, vis vitalis, Aglipharma, Pharmos Natur, Biomin, Mindel-Food) sowie von wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Univer-sitäten aus München, Bayreuth, Dresden, Erlangen, Potsdam, Freising, Straubing, Jülich und Kulmbach.
Weiterhin nahm eine Delegation von vier französischen Unternehmen (Phodé, Ederna, icometrics und Nutritis) aus der Region Midi-Pyréneés am Forum teil und stellte sich mit Vorträgen und Postern vor, um bayerische Kooperations- und For-schungspartner für die Entwicklung ihrer Technologien und Produkte zu finden.
In der begleitenden Fachausstellung präsentierten Unternehmen und wissenschaft-liche Institute an 13 Ständen und zehn Postern ihre Technologien, Produkte und Dienstleistungen. Das Get-together nach der Konferenz wurde für neue Kontakte und intensives Networking genutzt.
Am Vortag besuchten bereits über 40 Teilnehmer die Dinzler Kaffeerösterei am Irschenberg und informierten sich über die Produktion von qualitativ hochwertigem Kaffee und das Vermarktungskonzept der Kaffee-Erlebniswelt. Im Anschluss bot sich für die Teilnehmer die Möglichkeit zu einer Führung durch die Adelholzener Alpen-quellen mit einem umfassenden Einblick in die Qualitätssicherung sowie die Abfüll-anlagen.

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