Transportwirtschaft diskutiert Zukunftsperspektiven

Rückblick zum Kooperationsforum am 08.06.2011 in Alzenau
15.06.2011

Das vom Cluster Logistik gemeinsam mit der IHK Aschaffenburg konzipierte Kooperationsforum „Perspektiven der mittelständischen Transportwirtschaft" am 8.6.2011 in Alzenau bot der Logistikbranche in der Region Untermain eine außergewöhnliche Plattform für den Informations- und Erfahrungsaustausch. Mit über 90 Teilnehmern stieß die Kooperationsplattform im Nordwesten Bayerns auf eine beachtliche Resonanz.

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Der reibungslose und effiziente Gütertransport ist eine der wichtigsten Grundlagen für den wirtschaftlichen Erfolg moderner Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften. Die zunehmende Spezialisierung der Produktions- und Arbeitsabläufe bedingt allerdings eine signifikanten Anstieg der Güterverkehrsleistung - mit entsprechenden Konsequenzen für die Verkehrsinfrastruktur, die involvierten Unternehmen und die vom Verkehr betroffene Bevölkerung. So rechnet eine Studie der Bundesregierung bis 2025 mit einer Steigerung des Transportaufkommens um rund 70 Prozent. Insbesondere im Straßengüterverkehr, der derzeit einen Anteil von rund 85 Prozent am Gesamttransportvolumen hat, wird ein massiver Anstieg erwartet.
Für die von der Wirtschafts- und Finanzkrise stark gebeutelte Transportwirtschaft bedeutet dieses Wachstum zwar eine anhaltende Erholung, jedoch sind die Margen durch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und zunehmende Konkurrenz aus den neuen EU-Ländern weiter gesunken. Obwohl das Volumen der meisten Transportunternehmen mittlerweile wieder das Niveau des Jahres 2008 erreicht hat, erwirtschaftet ein Sattelzug im traditionellen Fernverkehr heute nur noch einen Deckungsbeitrag von 50 Euro pro Tag. Den überwiegend mittelständisch geprägten Transportunternehmen fehlt damit die Grundlage für die Entwicklung gesunder Geschäftsmodelle. Mit einem Wert von 2,7 Prozent verzeichnete die Transportbranche daher im vergangenen Jahr die höchste Insolvenzquote der gesamten deutschen Wirtschaft.

Future Load
Prof. Peter Klaus, international anerkannter Logistik-Experte und Sprecher des Clusters Logistik, ist überzeugt, dass die Transportbranche zwingend innovative Lösungen und nachhaltige Geschäftsmodelle zur Gestaltung von Logistik- und Ladungsverkehrsstrukturen entwickeln muss, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Die vom Cluster Logistik unter Federführung von Prof. Klaus im Jahr 2010 gestartete Initiative „Future Load" soll dazu wichtige Impulse liefern.
Bei dem vom Cluster Logistik gemeinsam mit der IHK Aschaffenburg konzipierten Kooperationsforum „Perspektiven der mittelständischen Transportwirtschaft" am 8.6.2011 in Alzenau stellten die Manager des Clusters Logistik und Dr. Norbert Schmidt von der Fraunhofer Arbeitsgruppe Supply Chain Services erste Ergebnisse der Initiative Future Load vor; fünf weitere hochkarätige Referenten präsentierten darüber hinaus innovative Logistik-Projekte, -Konzepte und -Trends. Das Kooperationsforum stieß mit über 90 Teilnehmern auf große Resonanz. Der Logistikbranche in der Region Untermain bot es eine außergewöhnliche Plattform für den Informations- und Erfahrungsaustausch. Eine Führung durch die Distributions GmbH - 50, Systempartner der trans-o-flex Schnell-Lieferdienst GmbH & Co. KG, eröffnete darüber hinaus Einblicke in die Logistikabläufe eines lokalen Logistik-Dienstleisters.

Kooperationsmodelle
Das von der Corporate Relationship Managerin Christine Platt vorgestellte Kooperationsmodell der E.L.V.I.S. AG ermöglicht kleinen und mittleren Transporteuren, sich in einen effizienten standardisierten Prozess zu integrieren. Eine große Herausforderung für den Systemanbieter E.L.V.I.S. ist, die traditionellen und individuellen Angebote der Kooperationspartner zu vereinen.
Ein konträrer Ansatz zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit setzt auf Spezialisierung und Flexibilisierung. Patrick Andres, Geschäftsführer der Spedition Andres e.K., ist überzeugt, dass dieser Weg mittelständischen Transporteuren in Zukunft vielfältige Geschäftsfelder eröffnet. Er betonte aber auch, dass derzeit noch zu wenige Unternehmen eine klare strategische Ausrichtung besitzen, um die Herausforderungen bei Flexibilität, Sicherheit, Nachhaltigkeit und Innovation zu meistern. Zwingende Voraussetzung für den Erfolg als Einzelplayer sei, seine Zielgruppe genau zu kennen und bei den angebotenen Dienstleistungen ein hohes Qualitätsniveau zu erreichen.
Doch auch die Verlader sind gefragt, um die eigenen Anforderungen an Logistik-Qualität und Kostenstabilität aufrecht zu erhalten. Die Knauf Gips KG aus Iphofen versucht mit Kommunikation auf Augenhöhe und fairen, nachhaltigen Verträgen qualitativ hochwertige Transporteure an sich zu binden und die Zukunftsfähigkeit ihrer Dienstleister zu sichern. Teil des Modells ist die Etablierung effizienter Transportnetzwerke. Von der besseren Ausnutzung des vorhandenen Frachtraums, der Reduzierung von Leerfahrten und der Verbesserung der Auslieferungssicherheit profitieren alle Teilnehmer.
Technische Kommunikationslösungen sind heute unverzichtbar für die effiziente Transportplanung. Der proaktive Informationsfluss wird zu einem immer bedeutenderen Qualitäts- und Erfolgsfaktor bei der Zusammenarbeit von Verladern und Dienstleistern - beispielsweise bei der Zeitfenstervergabe für Abholung und Anlieferung. Peter Förster, Geschäftsführer der TRANSPOREON GmbH, stellte in Alzenau entsprechende Tools zur Optimierung von Kapazitätsauslastung, Leerkilometeranteil, Anschlussladungen und Frachtpreisen vor.

Podiumsdiskussion
Die von Verkehrsrundschau-Redakteurin Eva Hassa moderierte Podiumsdiskussion ermöglichte die Vertiefung zentraler Fragen des Kooperationsforums bezüglich der Perspektiven der mittelständischen Transportwirtschaft. Die Diskussionspartner Dr. Michael Bargl, Geschäftsführer der IDS Logistik GmbH, Sebastian Lechner, Hauptgeschäftsführer Landesverband bayerischer Transport- und Logistikunternehmen (LBT) e.V., Dr. Norbert Schmidt, Fraunhofer Arbeitsgruppe Supply Chain Services und Albert Schuck, Geschäftsführer Albert Schuck GmbH & Co. KG, waren sich einig, dass trotz bzw. gerade wegen der Vielschichtigkeit des Marktes eine zunehmende Professionalisierung der Branche erforderlich ist. Eine Tendenz zur Industriealisierung wird vor allem im Fernverkehr eine Rolle spielen, bei dem Faktoren wie Transparenz und Kostenstruktur eine größere Rolle spielen als in der regionalen Distribution. Nach Ansicht von Dr. Bargl besteht sowohl ein Vorteil als auch eine Herausforderung für den Mittelstand darin, Regionalkonzepte wie Industrialisierungsprozesse gleichermaßen zu bewältigen. Dabei sollte laut Albert Schuck allerdings darauf geachtet werden, sich nicht zu stark von großen Konzernen abhängig zu machen. Aus Sicht des Landesverbands Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen bestehen große Chancen für den Mittelstand durch Spezialisierung, Industrialisierung und Kooperation. Hauptgeschäftsführer Sebastian Lechner betonte, dass es aber nicht DAS eine Preismodell für KMU gäbe. Vielmehr sei es wichtig, neue Belastungen wie Maut oder Dieselpreissteigerungen frühzeitig in die Unternehmensstrategie und die Preisgestaltung einzukalkulieren.
Großen Raum widmete die Diskussionsrunde dem Thema Fahrermangel. Die Mitarbeitergewinnung müsse durch eine grundlegende Imageverbesserung des Berufsbildes und neue Konzepte systematisch angegangen werden. Diesem Thema wird sich auch die Initiative Future Load des Clusters Logistik gemeinsam mit den bayerischen Verbänden und weiteren Partnern nachdrücklich widmen.