Symposium Logistik Innovativ 2010

Neue Trends und erfolgreiche Konzepte
14.05.2010
  • Erfolgreiche Konzepte für optimierte Logistikprozesse
  • Neue Trends für nachhaltige Logistik
  • Aktuelle und zukünftige Rahmenbedingungen im globalen Transport
  • Staatsempfang auf Schloß Herrenchiemsee durch Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil

Impressionen

Seit der ersten Veranstaltung im Jahr 2000 ist das Symposium „Logistik Innovativ" ein bedeutender Treffpunkt für Entscheider aus allen Bereichen der Logistikbranche. Auch 2010 fanden Aktualität und internationale Ausrichtung des im Zweijahres-Rhythmus ausgetragenen Symposiums wieder Zustimmung weit über die Grenzen Bayerns hinaus: Die Bayern Innovativ GmbH und ihr Partner, das Logistik Kompetenz Zentrum Prien, konnten rund 190 Teilnehmer aus 4 Nationen in Prien am Chiemsee begrüßen.
Im Fokus standen aktuelle Trends und Entwicklungen für eine nachhaltige Logistik im globalen Marktgeschehen. Anhand von 21 Fachvorträgen aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wurden erfolgreiche Logistikkonzepte und zukünftige Potenziale vorgestellt sowie politische und gesetzliche Rahmenbedingungen im internationalen Warenverkehr aufgezeigt.

„Erfolgskonzepte" war das Thema des ersten Kongresstags. Politik, Unternehmen und Wissenschaft präsentierten aktuelle Trends und optimal umgesetzte Logistikkonzepte. Landrat Josef Neiderhell, der den Landkreis Rosenheim als idealen Partner für das Symposium Logistik Innovativ 2010 hervorhob, sieht die Herausforderungen in dem infrastrukturellen Ausbau der A 8 sowie der Generierung von Verkehren durch den Brenner-Basistunnel. Da die deutschen Partner gegenüber Italien und Österreich noch im Hintertreffen seien, ist es von politischer Seite wichtig, auch den Landkreis Rosenheim zu stärken. Dieses Ansinnen wurde vom Amtschef des Bayerns Staatsministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Infrastruktur und Technologie, Dr. Hans Schleicher, unterstützt da sich die Staatsregierung besonders im Infrastrukturbereich gefordert sieht. Aktuelle Handlungsfelder aus Sicht der Politik liegen in der Optimierung der Transportlogistik. In diesem Zusammenhang sind wichtige Infrastrukturprojekte im Bereich der Straße, Schiene und der Telematik voranzutreiben. Die Schwerpunkte liegen auf dem Ausbau der Strecke München - Mühldorf - Freilassing und der Realisierung der dritten Start- und Landebahn des Flughafens München. Ein effizientes Gleichgewicht der Verkehrsträger ist nötig, um die Nachhaltigkeit im Gütertransport zu beschleunigen. Die Logistik und der Infrastrukturausbau haben direkte Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge und somit auf Ökonomie und Ökologie. Hier gilt es, optimale Rahmenbedingungen in Bayern zu schaffen. Auch die Unzulässigkeit des sektoralen Fahrverbotes im Nachbarland Tirol blieb in seiner Rede nicht unerwähnt.

Thomas Kästele, Managing Director Corporate Finance der IKB Deutsche Industriebank AG, erläuterte die Auswirkungen der Krise auf die Wirtschaft und den Bankensektor. Prognostiziert wird, dass frühestens in den Jahren 2012 bis 2013 wieder das Produktionsniveau auf dem Stand vor der Krise sein wird. Bis dahin besteht die existenzbedrohende Phase gerade für KMU weiter. Bezogen auf die Logistikbranche schneiden im Moment die Logistikdienstleister besser ab als die Unternehmen aus der Transportindustrie. Für die Zukunft werden weitere Kreditklemmen durch die Eigenkapitaldecke der Banken erwartet. In der heutigen Zeit kann der Kunde kaum noch die komplexen Zusammenhänge der Finanzwirtschaft erkennen. Während früher Unternehmenskredite aufgrund guter sozialer Beziehung zwischen Kunde und Bank vergeben vergeben wurden, sind heutzutage die Interessen zahlreicher Investoren zu berücksichtigen, was zu einer rein situativen Kreditvergabe führt. Als Hauptaufgabe der Banken für die Zukunft wird das konfliktfreie managen aller Interessen und eine Renaissance der engen Kundenbeziehungen gesehen. Die Rolle der Banken in der Logistik und auch in allen anderen Branchen wird sich verändern.

Dass gute Beziehungen zu einer Bank für ein Unternehmen in der Krise überlebenswichtig sein kann, bestätigte auch Peter Schneider von der Peguform GmbH aus Neustadt, der gemeinsam mit Prof. Peter Schuderer von der Hochschule Ingolstadt vorstellte. Das erste in Zusammenarbeit mit einer Hoschschule durchgeführte Projekt im Werk Neustadt hatte zum Ziel, eine flexible Komponentenversorgung bei variantenreicher JiS-Fertigung sicherzustellen. Zu Beginn wurde bei ersten Untersuchungen neben Problemen im Informationsfluss vor allem ein enormer Platzbedarf am Montageband aufgrund des hohen Variantenreichtums festgestellt. Zur Lösung wurde ein E-Kanban-System eingeführt, dass die Versorgung der Produktion über einen internen Materalflusszug steuert. Dieser sogenannte Pegutrain kann sowohl in der Halle, wie auch im Außengelände fahren und besteht aus einem Flurförderer mit zwei angehängten Einheiten. Diese können über eine simple Mechanik mit eigens konstruierten, flexiblen Rollcontainern nach Bedarf bestückt werden. In zwei definierten Umläufen erfolgt dann die Ver- und Entsorgung des Bandes. Durch die Umsetzung konnten innerhalb kürzester Zeit massive Reduzierungen der Kaufteilbestände an den Montageplätzen sowie der Zahl der „Not-Transporte" wegen Teilemangel erreicht werden. Dies führte zu einer Beruhigung der Material- und Informationsflüsse und somit zu einer Stabilisierung des gesamten Produktionsprozesses. Die Investitionskosten haben sich so mittlerweile bereits amortisiert.

Im Anschluss stellte Prof. em. Peter Klaus, Sprecher des Cluster Logistik, bewusst einige provokante Thesen zur Entwicklung des Straßengüterverkehrs vor. So stehen wir seiner Ansicht nach erst am Anfang einer massiven Neuformierung der Ladungsverkehrsmärkte in Deutschland und Europa. Die momentan noch meist eindeutige Trennung von Werksverkehr und gewerblichem Transport wird durch den Trend zum Outsourcing immer stärker aufgeweicht. Aufgrund der geltenden Arbeitszeit-Vorschriften wird es in Zukunft vermehrt zu Kooperationen unter den transportierenden Unternehmen kommen. Hier könnten Transportmodelle, angelehnt an das alte Postkutschen-System, eine Lösung sein. Besonders für die kleinen und mittleren Speditionen ist dies ein Weg, um am Markt zu überleben. Weitere Lösungen könnten in der Entkopplung von industrialisierter Transportleistung und individualisiertem Service an der Rampe liegen. Ebenso sind intelligente in und innovative Formen der intermodalen Zusammenarbeit für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung gefordert. Umsetzen lassen sich diese notwendigen Veränderungen mit neuen Geschäftsmodellen gekoppelt mit neuen Formen der Preisbildung.

Die Bedeutung von Kooperationen, gerade in so einer querschnittsorientierten Branche wie der Logistik, hob dann auch Prof. Dr. Josef Nassauer, Geschäftsführer der Bayern innovativ GmbH, noch einmal deutlich hervor. Gerade durch die branchen- und technologieübergreifende Vernetzung ist die Logistik ein wesentlicher Teil der Wertschöpfungskette. So gilt z. B. die für Bayern besonders bedeutende Automobilindustrie als Innovator für neue logistische Konzepte und Technologien und somit auch als Benchmark für maßgeschneiderte individuelle Logistikkonzepte in anderen Branchen.

Ein Erfolgskonzept auf politischer Ebene erläuterte Karl Fischer, Geschäftsführer Logistik Kompetenz Zentrum Prien. Das neue Europäische Projekt TRANSITECTS (Trans Alpine Architects) verfolgt das Ziel, den Schienengüterverkehr über die Alpen attraktiver zu gestalten, indem grenzüberschreitende intermodale Logistiklösungen im Alpenraum entwickelt werden. Zusammen mit hochrangigen Politikern, ausgewählten Marktteilnehmer sowie Projektpartnern aus Italien, Österreich, Slowenien und Deutschland sollen die Verlagerung des transalpinen Güterverkehrs auf die Schiene sowie neue nachhaltige Logistiklösungen forciert werden. Speziell durch eine Anbindung multimodaler Netzwerke an die Südhäfen bieten sich hier enorme Chancen für den Verkehrsträger Schiene. Die Transportdauer von Waren, die für den Süden Deutschlands und Europas bestimmt sind, könnte so um bis zu fünf Tage verringert werden.

Passend zum Transportthema referierte danach Jürgen Kempf von der K2Q International über die Risiken und den schnittstellenübergreifenden Schutz von Lieferketten. Nach der Vorstellung einiger aktueller krimineller Trends wurden verschiedene Ansätze zur Begegnung mit diesen Machenschaften dargelegt. Angefangen beim wichtigsten Punkt, der Partnerschaft, über die materiell bzw. technischen Möglichkeiten bis hin zu den klassischen Sicherheitskonzepten. Dabei wurden auch einige Lösungsansätze mit neuen Technologien vorgestellt, wie z. B. RFID-Überwachung von Behältern oder mit Sensoren kombinierte Seiten- bzw. Rückwandlichter.

Eine effektives Sicherheitsmanagement ist ein grundlegendes Element eines erfolgreichen Gefahrgutmanagements, wie Dr. Murad Orhan, Referent für Transportsicherheit der BASF SE anschaulich zeigte. So ist einer von sechs Grundwerten des Unternehmens „Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz". Diese Punkte haben bei BASF Vorrang vor den wirtschaftlichen Belangen. Wie das Gefahrgutmanagement aufgebaut ist, wurde anhand einiger grundsätzlicher Standards erläutert. Logistische Konsequenzen daraus ergeben sich z. B. für den Einsatz von Telematik, deren Ziele neben dem frühzeitigen Erkennen von Schwachstellen, und damit der Vermeidung von Unfällen, oder einem Notfallmanagement natürlich auch die Wirtschaftlichkeit sind. Trotz aller Vorsorge- und Sicherheitsmaßnahmen lassen sich jedoch Unfälle nie ganz ausschließen. Um eine ortsunabhängige Hilfe gewährleisten zu können, hat die chemische Industrie das Transport-, Unfall-, Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS) aufgebaut. Durch dieses System wird gewährleistet, dass bei chemischen Unfällen immer die nächstgelegene Einsatztruppe zum Unfallort eilt unabhängig vom Verursacher.

Ebenfalls um das Thema Gefahrgut drehte sich der Beitrag von Norbert Hübner von der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Als Leiter der Abteilung für Machbarkeitsstudien stellte er ein im November gestartetes ESA-Forschungsprogramm für die Gefahrgutüberwachung durch Raumfahrttechnologie vor. In Zusammenarbeit von Forschung und Unternehmen sollen Synergien durch die Zusammenlegung der verschiedensten Technologien und Systeme erarbeitet werden. Langfristiges Ziel ist die Raumfahrttechnologie als Unterstützung zur Lösung logistischer Probleme auf EU-Ebene einzusetzen. Ein erster Ansatz hierzu wurde 2009 mit einer Vorbereitungsstudie durch das Logistik Kompetenz Zentrum Prien durchgeführt. Eine nachfolgende Machbarkeitsstudie läuft derzeit über ein belgisches Konsortium.

Zukunftsorientiert war auch der etwas andere Ansatz moderner Logistikkonzepte, den Dr. Robert Kuttler, Geschäftsführer der ifp - Prof. Dr.- Ing. Joachim Milberg Institut für Produktion und Logistik GmbH & Co. KG, mit den Teilnehmern durchspielte. Im Rahmen des Vortrages wurde ausgehend von einem neuen zu produzierenden Produkt eine gesamtheitliche Fabrik mit den aktuellsten Methoden und Werkzeugen aufgebaut und konzeptionell zum Laufen gebracht. Im Vordergrund standen dabei innovative Produktions- und Logistikkonzepte, Wandlungsfähigkeit, der sinnvolle Einsatz von LEAN-Elementen sowie Aspekte aus der Green Logistics.

„Austauschbarkeit oder Logistik - Wege zur Einzigartigkeit für Unternehmen und Standorte" lautete der Vortragstitel von Prof. Franz Staberhofer, Studiengangsleiter Internationales Logistikmanagement Fachhochschule Oberösterreich und Obmann des Vereins Netzwerk Logistik. Hinter diesem Titel verbargen sich einige kritische Thesen zur Bedeutung der Logistik und vor allem zur Globalisierung von Beschaffungs-, Produktions- und Absatzmärkten. So müssen die Produkte zunehmend für die jeweiligen Absatzmärkte individualisiert werden. Die Produktveränderungen hängen dabei eng mit dem Wachstum der Urbanisierung zusammen. Bewohner von wirtschaftlich erfolgreichen Städten und Regionen besitzen andere Bedürfnisse als die in strukturschwachen. Drei wesentliche Faktoren machen den Erfolg einer Region aus: Technologie, Talent und Toleranz.

Nachhaltigkeit in Intralogistik, Produktion, Immobilien und Transport war die Überschrift der ersten Sequenz am zweiten Kongresstag, moderiert von Prof. Hartmut Zadek, Inhaber des Lehrstuhls Logistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Leiter des BVL-Arbeitskreises Sustainable Production Logistics. Nachhaltigkeit ist ein Megatrend in der gesamten Wirtschaft und nicht nur in der Logistik. „Als globaler Player kann man auf dem Weltmarkt nur bestehen, wenn man in und an den Megatrends arbeitet", so Dr. Siegfried Kiese, Leiter Technischer Einkauf & Logistik der Wacker Chemie AG. Der weltweite (Umsatz-)Motor ist dabei derzeit der asiatische Raum. Nachhaltigkeit und Wirtschaftskrise stellen Anforderungen, die eigentlich im Widerspruch stehen. Auch der bayerische Chemiekonzern Wacker AG wurde von der Krise nicht verschont. Durch die breite Aufstellung des Konzerns in drei Breichen - Silikonprodukte, Polysilizium, Polymere (Vinylacetat) gehen die Umsätze und Gewinne nach dem Krisenjahr 2009 wieder steil nach oben - jedoch nicht in allen Geschäftsbereichen. Trotzdem verlangen die Kunden natürlich überall erstklassige Lösungen, speziell in logistischen Bereichen. „Ein Produkt das sie nicht rechtzeitig erhalten ist, ein schlechtes Produkt". Aktuell fehlen jedoch besonders in der Chemie Logistikkapazitäten. Das Problem dabei ist, dass bei Lieferproblemen der Kunde zur Konkurrenz wechselt. Deswegen ist es von immenser Wichtigkeit, die gesamte Supply Chain im Griff zu haben. Der Aufbau nachhaltiger Kunden- und Lieferantenbeziehungen erfordert viel Zeit. Deswegen beruht das Lieferantenmanagement bei Wacker auf drei Säulen. Dem Bestandsmanagement, der Lieferantenbewertung und einem Daten-Cockpit. Nachhaltiges Lieferantenmanagement bedeutet dabei die Ausrichtung auf eine erfolgreiche Supply Chain Optimierung. Für einen nachhaltigen Erfolg muss sich die Qualität der Gesamtleistung für die Kunden kontinuierlich verbessern. Damit kann man nicht erst in der Krise beginnen, denn es betrifft viele langfristige Lieferantenbeziehungen. Die Zahlen bei Wacker belegen dies. Die Dienstleiter stehen dabei trotz Gebietsspediteurskonzept untereinander im Wettbewerb und werden jährlich bewertet. Umweltaspekte sind seit Jahren ein Bestandteil der Lieferantenauswahl und -bewertung, zum Beispiel Fahrzeugbewertung. Dieses Verfahren war zunächst umstritten, hat sich für die Spediteure heute jedoch als Wettbewerbsvorteil herausgestellt. Durch die Offenlegung von Bewertung und Kriterien existiert die Möglichkeit sich zu verbessern. Es klingt widersprüchlich, aber auch die Bereitschaft zum Wechsel ist unabdingbar für nachhaltige Beziehungen.

Die Bedeutung der Nachhaltigkeit und innovativer Konzepte aus Sicht eines weltweit tätigen Dienstleisters erläuterte Dr. Keith Ulrich, Vice President DHL Solutions & Innovations, Head of Research & Innovationsmanagement aus dem DHL Innovationszentrum. Die DHL transportiert neben dem Brief- und Paketmarkt auch rund 5 Prozent des globalen Handelsvolumens und ist dadurch einer der größten CO² Verursacher. Schon allein aus diesem Grund ist man sehr daran interessiert, nachhaltige Konzepte und Lösungen zu entwickeln. Zudem werden „grüne" Produkte und Dienstleistungen zukünftig sowohl im B2C, wie auch im B2B ein Verkaufsargument sein. Diese Erkenntnis führte nicht zuletzt zur Gründung des DHL Innovationszentrums, in dem an nachhaltigen Lösungen geforscht wird. Megatrends können dabei helfen, nachhaltige und zukunftsorientierte Lösungen zu identifizieren. So wird die Logistikbranche als eine der Treiberindustrien für grüne Dienstleistungen gesehen. Mit dem Programm „Go Green" will DHL die CO²-Effizienz verbessern und Standards in grüner Logistik setzen. Das Projekt ist ein Beispiel für ökologische Verantwortung. Es ist ein Markenname für CO²-neutrale Produkte und Services. Es enthält unter anderem Reduktionsmaßnahmen in den Bereichen Fuhrpark, Immobilien und Netzwerke. Dabei geht die Post zurück zu etwas, was sie bereits hatte: wie in den Dreißiger Jahren greift man für die innerstädtische Verteilung zurück auf Elektrofahrzeuge. Ein weiteres Beispiel sind verschiedenste Maßnahmen wie dynamische Tourenplanung oder Mitarbeitermotivationskonzepte zur Senkung des CO²-Verbrauchs am Arbeitsplatz. Insgesamt wird aus Sicht von Dr. Ulrich die Diskussion um den Carbon Footprint überbewertet. Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Komponente, sondern besteht auch aus einer langfristigen Wertorientierung und gesellschaftlicher Verantwortung.

Einen oft unterbewerteten Aspekt in der Nachhaltigkeitsdiskussion beleuchtete Oswald Grün, Vice President der SSI Schäfer Noell GmbH aus Giebelstadt. Für ihn fängt Nachhaltigkeit in der Logistik nicht erst beim Transport, sondern schon wesentlich früher an, denn Energiesparen und Energieeffizienz sind nicht nur Modethemen, sondern langfristige Trends. Trotzdem ist der Energieverbrauch in den letzten Jahren massiv gestiegen. Der Anteil erneuerbarer Energien ist nach wie vor verschwindend gering und die elektrische Energie wird heute noch überwiegend aus fossilen Rohstoffen erzeugt. Daher stellt sich für den Bereich von Produktion, Lagerung und Kommissionierung die Frage, was sind die größten Energieverbraucher und wo liegen mögliche Einsparpotenziale. Potenziale in der Intralogistik bestehen in energieeffizienten Antrieben, Gleichstromzwischenkreiskopplungen, intelligenter Kopplung von Fahr- und Hubbewegungen oder das Fahren der Regalbediengeräte mit reduzierter Geschwindigkeit, wenn dies aufgrund geringer Pickzahlen möglich ist. Eine intelligente Zwischenkreiskopplung kann z. B. Energieeinsparung von bis zu 15 Prozent bringen.
Eine Möglichkeit für die Zukunft könnten solarbetriebene Energiezellen sein. Dass es funktionieren kann zeigt das Beispiel des HyLOG-Projekts der Firma Fronius, das beim 19. Deutschen Materialflusskongress 2010 mit dem VDI-Innovationspreis für Logistik ausgezeichnet wurde. Generell kann man festhalten, dass sich nachhaltige Konzepte bei Neubauten relativ leicht umsetzen lassen, die Amortisationszeiten bei einem Umbau bestehender Systeme jedoch vielen Unternehmen derzeit zu lang sind. Eine „Abwrackprämie" könnte Anreize schaffen.

Nachhaltigkeit als Triebkraft für wirtschaftlichen Erfolg. Prof. Dr. Maximilian Gege, Vorstandsvorsitzender vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) e. V. aus Hamburg erläuterte anhand einiger Beispiele, dass sich die Wirtschaft als zentraler Nachhaltigkeits- und Innovationsmotor zunehmend ihrer Verantwortung bewusst wird. Längst ist die Frage nicht mehr „ob", sondern allenfalls „wie" Unternehmen Klimaschutzlösungen entwickeln und erfolgreich in die Praxis umsetzen.
Viele Unternehmer haben die Problematik und die Chancen schon frühzeitig erkannt und zeigen unternehmerische Eigeninitiative für den Klimaschutz. Schließlich widersprechen sich umweltbezogenes Handeln und betriebswirtschaftliche Betrachtung der möglichen Maßnahmen keinesfalls. Oft zeigen schon geringe Investitionen große Wirkung. Zusätzlich wird von den Kunden Druck auf die Unternehmen ausgeübt. Beispielsweise hat sich das Konsumentenverhalten verändert, indem verstärkt auf die Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Produkten geachtet wird.
Auch die Politik schafft neue Anreize und Rahmenbedingungen für unternehmerischen Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Neben den Medien nehmen Verbände und NGOs aus dem Umweltbereich verstärkt Einfluss.
Eine aktuelle Befragung von 60 Experten zum Thema „Auf dem Weg zur Nachhaltigen Wirtschaft - wie lässt sich Unternehmenserfolg dauerhaft sichern?" brachte das eindeutige Ergebnis, dass nur nachhaltig wirtschaftende Unternehmen langfristig bestehen können.
Aspekte wie der CO²-Footprint sind schon heute Verkaufsargumente und werden von vielen Verladern bereits als Nachweis von den Transportunternehmen verlangt. So wollen im Carbon Disclosure Project internationale Konzerne ihre Zulieferer nach ihrem Umgang mit CO²-Emissionen beurteilen. Zukünftig ist denkbar, dass der CO²-Footprint auf vielen Produkten ausgewiesen wird.
Einen weiteren, oftmals unterschätzten Teil der Nachhaltigkeit beleuchtete Alexander Schwab, Geschäftsführer der ASA Alexander Schwab Architekten GmbH: die Logistikimmobilie. Ihr Anteil an den Gesamtkosten einer Supply Chain beträgt zwar nur 8 Prozent sie besitzt aber 20 Prozent der gesamten Nachhaltigkeitspotenziale in dieser Logistikkette. Das heißt: Ihre Bedeutung für die Nachhaltigkeit oder „grüne Logistik" wird in vielen Fällen unterschätzt. Die Optimierungspotenziale einer Immobilie sind zudem nicht nur in technischen Bereichen zu finden, sondern auch in sozialen. Dargestellt wurde dies an den Hauptkriterien des Zertifikats der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen DGNB. Am Beispiel des Immogate Logistic Center am Flughafen München wurden die möglichen Potenziale der Nachhaltigkeit näher erläutert. So können bewehrungslose Bodenplatten, Dachkonstruktionen aus CO2-neutralen Holzbindern oder eine effektive Beheizung durch Dunkelstrahler wesentlich zur ökologischen Qualität beitragen. Die Ökonomische Qualität lässt sich u. a. anhand der Flexibilität bzw. Teilbarkeit, dem Kosten und Ressourcenverbrauch im Lebenszyklus oder der Verkehrsanbindung bewerten. Noch mehr Möglichkeiten finden sich in der Betrachtung möglicher Maßnahmen zur Verbesserung der sozio-kulturellen und funktionalen Qualität. Angefangen vom Einsatz emmissionsarmer Baustoffe, über den Einbau von Schallschutz oder großflächigen Lichtbändern bis hin zur gesunden Umgebung mit viel freier Landschaft, existieren hier zahlreiche Optimierungsmöglichkeiten. Für die Investoren und Architekten ist das nachhaltige Bauen in der Logistik ein neuer, vielversprechender internationaler Markt mit großen Chancen. Zukünftig werden nachhaltige Gebäude wirtschaftlich, dauerhaft werthaltig und somit zum Standard werden.

Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen, Institutsleiter des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik und langjähriger Partner des Symposiums Logistik Innovativ moderierte die Vortragsreihe „Globale Rahmenbedingungen", in der Regelungen und gesetzliche Vorschriften im internationalen Warenverkehr von verschiedenen Seiten diskutiert wurden.

Sebastian Lechner, Hauptgeschäftsführer des Landesverbandes bayerischer Transport- und Logistikunternehmen e. V., stellte die Bedeutung gesetzlicher internationaler Vorschriften aus Sicht der Transport- und Logistikunternehmen heraus. Da sich das Transportgeschäft langfristig im internationalen Bereich abspielt, liegen die Kompetenzen der gesetzlichen Regelungen und Rechtsvorschriften bei der EU.
Die zum 01.12.2011 in Kraft tretende Berufszugangsverordnung wird Auswirkungen haben auf den Wettbewerb der Unternehmen, dem Thema Compliance sowie den Sicherheitsfragestellungen. Es ist generell ein schnellerer Zugriff bei Sanktionen zu erwarten, obschon bei gleichen Verstößen in den einzelnen EU-Ländern unterschiedliche Sanktionssätze zu erwarten sind. Nach dem Inkrafttreten des Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetzes wird es für die Transport- und Logistikbranche schwieriger werden, qualifiziertes Fahrpersonal zu finden, da Einstellungen teurer werden. Grundsätzlich wird durch die zukünftige Gesetzgebung erwartet, dass eine Vereinheitlichung und Erleichterung für die Unternehmen eintritt.

Dr. Armin Bonhoff, Geschäftsführer DPD GeoPost GmbH in Aschaffenburg erläuterte die Rolle des Authorised Economic Operators (AEO) sowie die Vorteile der Zertifizierung aus Sicht eines Paketdienstes. Die AEO-F Zertifizierung gliedert sich dabei in die drei Schwerpunkte „Zollabfertigung", „Compliance" und „Physische Sicherheit". Fazit aus Sicht der DPD ist, dass der AEO sich zu einem verpflichtenden Quasi-Standard analog ISO 9001 entwickeln wird. Als kundenorientierter Express-/Paketdienst wird DPD mittelfristig eine AEO-Zertifizierung erlangen, weiterhin wird der AEO-F Status die Zollabwicklung beschleunigen. Im Vordergrund einer AEO-Zertifizierung sollte nicht die Kostenreduktion, sondern eher qualitative Gründe wie Kundenorientierung und beschleunigte Zollabwicklung stehen.

Dr. Dirk Wilmes, Geschäftsführer QMC Unternehmensberatung GmbH in Düsseldorf, stellte dar, dass der Supply Chain Manager zwischen den Anforderungen des Lean Managements und den globalen Engpässen der Materialbereitstellung steht. Es stellt für die Manager quasi eine Zwickmühle dar, intern die Bestände zu reduzieren, aber gleichzeitig die Materialbereitstellung sicherzustellen. Das Management muss zukünftig in immer kürzeren Zyklen agieren. Robuste Prozesse zu gestalten, ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Anforderung. Schlussfolgerung war, dass es zukünftig zu regionalen Kunden-Lieferanten-Beziehungen kommen wird und globale Beschaffungsbeziehungen zunehmend hinterfragt werden. Robuste und sichere Lieferfähigkeit wird zukünftig verstärkt als Oberziel angesehen und entsprechend der Servicegedanke daran angepasst.

RA Sebastian Billig, Geschäftsführer der AWB Wolffgang und Harksen Rechtsanwaltsgesellschaft mbH aus Münster, stellte aktuelle Aktivitäten und Herausforderungen außenhandelsorientierter Unternehmen im Bereich der Exportkontrolle dar. Deutlich wurde, dass das Außenwirtschaftsrecht sehr eng mit der Außenpolitik zusammenspielt. Als Beispiel wurden die Außenhandelsbeziehungen zum Iran genannt. Im Rahmen des Compliance Management ist die Überprüfung von Anbietern und Empfängern auf den relevanten Listen wichtig, dies gilt auch für den inländischen Geschäftsverkehr. Die Herausforderung für viele Unternehmen ist die Überprüfung der Listen terrorverdächtiger Personen. Diesbezüglich sollte möglichst frühzeitig in der Geschäftsanbahnung darauf hingearbeitet werden. Da im Rahmen der zollrechtlichen Vereinfachung jedes exportierende Unternehmen zukünftig einen Fragebogen ausfüllen muss, sollte überlegt werden, gleich die Zertifizierung als AEO anzugehen.

Miklós Horváth, Geschäftsführer Masped First Hungarian General Forwarding Co. Ltd. aus Budapest, veranschaulichte die rechtlichen Regelungen und Fallstricke in der internationalen Logistik. Am Geschäft der Logistik könne man wunderbar erkennen, was und wo in Europa produziert wird. Da der Konsum stagniert und ein niedrigeres Produktionsniveau in Europa zu verkraften ist, werden zukünftig andere Geschäftsmodelle für die Transportbranche nötig sein. Sicherheit in der Lieferkette ist hier gerade in Bezug auf den Osteuropa-Verkehr zunehmend zu beachten. Auch Ungarn wird sich hier ändern müssen. Die Logistik Cluster in Ungarn und Bayern planen eine Zusammenarbeit auf diesem Gebiet.

„Königlicher" Staatsempfang
Einen Höhepunkt des Symposiums Logistik Innovativ bildete auch im Jahr 2010 der traditionelle Staatsempfang im Spiegelsaal des einstigen Königsschlosses Herrenchiemsee, zu dem Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil am Abend des ersten Kongresstages Kongressteilnehmer und Repräsentanten der Region eingeladen hatte.
Die Überfahrt per Schiff und die herausragende Atmosphäre des Schlosses boten trotz kühlem und regnerischem Wetter beste Gelegenheiten, die Erfahrungen zu vertiefen und Kontakte für künftige Partnerschaften zu knüpfen.

Logistik Innovativ 2010 wurde von der für das Management des Cluster Logistik verantwortlichen Bayern Innovativ GmbH konzipiert und organisiert - in Zusammenarbeit mit dem Logistik-Kompetenz-Zentrum Prien.