Nürnberg, 9. Mai 2012: Beton mit textiler Verstärkung? Implantate aus textilen Gewirken? 80 Gramm leichte Regenjacken? All das machen neuartige Textiltechnologien möglich. Wo liegen Innovationspotenziale und was sind aktuelle Entwicklungs- und Forschungsschwerpunkte? Diesen Fragen ist die Bayern Innovativ GmbH mit der Studie „Textil und Zukunft" nachgegangen. Sie wurde in Kooperation mit dem Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie e. V. und mit Unterstützung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums erstellt.
Fasern bilden die Basis für textile Innovationen. Letztendlich ist aber das individuelle Zusammenspiel einzelner Komponenten wie Fasern, Textilchemie, Textilveredlung und Textilmaschinenbau entscheidend. Prof. Dr. Josef Nassauer, Geschäftsführer, Bayern Innovativ GmbH, ist überzeugt: „Innovationspotenziale finden sich in allen Stufen der Wertschöpfungskette. Aber auch der Blick über den Tellerrand in andere Technologien und Branchen wird für Textilunternehmen immer wichtiger. Insbesondere die Bio-, Nano- und Mikrotechnologie bieten vielfältige Chancen für die Entwicklung neuartiger Textilien." Das gilt für Biopolymere, die zunehmend eine Alternative zu erdölbasierten Chemiefasern darstellen, Medizintextilien mit Drug-Delivery-Funktionen, die mittels spezieller Nanomaterialien erzielt werden, oder für intelligente Textilien mit elektronischen und sensorischen Funktionen, sogenannte Smart Textiles.
Innovationsstarke bayerische Textilindustrie
Bayerns Textil- und Bekleidungsindustrie hat die Nase vorn - 23.600 Mitarbeiter erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von 4,5 Milliarden Euro, der Produktionsanteil technischer Textilien liegt mit 60 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt. „Weltweit führende Textilunternehmen haben ihren Sitz in Bayern. Stärken sind unter anderem in den Bereichen Faser- und Filamentproduktion sowie Schutz- und Automobiltextilien zu sehen", so Dr. Christian Heinrich Sandler, Präsident, Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie e. V. Richtet man den Blick in die Zukunft, so gilt es für bayerische und deutsche Textilunternehmen Innovationspotenziale zu nutzen, um die Markt- und Innovationsführerschaft Deutschlands im Feld technischer Textilien zu erhalten und auszubauen.
Studie: Basis für Unternehmensstrategien
„Mit der Studie haben bayerische Unternehmen eine hervorragende Grundlage für ihre strategische Ausrichtung in Bezug auf Märkte, Trends und Entwicklungsschwerpunkte. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag, die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken. Ein Plus sind die Netzwerke und Cluster in Bayern, denn sie führen zielgerichtet Firmen und Forschungseinrichtungen in allen Wertschöpfungsstufen für Kooperationen zusammen", sagt Bayerns Wirtschaftsstaatssekretärin Katja Hessel.
Schwerpunkte der Studie
Die Studie „Textil und Zukunft" gibt auf 180 Seiten eine fundierte Situations- und Trendanalyse über die Entwicklung internationaler Märkte, technologische Innovationen sowie wichtige Anwendungsbereiche technischer Textilien.
Entwicklungen und Trends werden aufgezeigt in den Feldern:
- Faser- und Veredlungstechnologie, Smart Textiles und Faserverbundkunststoffe
- Automobil-, Schutz-, Medizin- und Bautextilien sowie Outdoor/Sport/Mode.
Des Weiteren werden dargestellt:
- Entwicklung der Weltmärkte: Asien, Lateinamerika, Europa, Deutschland, Bayern
- Externe Rahmenbedingungen: Personalgewinnung, Ressourcenverfügbarkeit, Gesetzliche Regelungen für den Umweltschutz
Studiendesign
In die Primäranalyse wurden an die 40 führende Unternehmen und wissenschaftliche Institute eingebunden. Die Interviewpartner wurden so gewählt, dass sie möglichst das gesamte Spektrum der textilen Kette sowie zukunftsweisende Anwenderbranchen abbilden. Über 250 Veröffentlichungen aus der Wirtschaft- und Fachpresse wurden ausgewertet. Darüber hinaus hat die Bayern Innovativ GmbH ihre Kenntnisse aus der eigenen Netzwerktätigkeit eingebracht.
Die Studie kann zum Preis von 260 EUR zzgl. MwSt. über die Bayern Innovativ GmbH bezogen werden.
Weitere Informationen: www.bayern-innovativ.de/textilstudie2012
FACHINFORMATIONEN AUS DER STUDIE
finden Sie in den nachfolgenden Abschnitten zu: Weltmarkt technische Textilien, Fasern für Nachhaltigkeit und Funktionalität, Textilien für den Gesundheits- und Bausektor
TECHNISCHE TEXTILIEN -
Florierender Weltmarkt mit hohen Wachstumsraten
2010 betrug der weltweite Umsatz mit technischen Textilien 95,7 Milliarden Euro. Der Markt soll auch künftig wachsen; laut Prognosen um jährlich 5 Prozent. Technische Textilien erschließen mit spezifischen Eigenschaften und Funktionen immer wieder neue Einsatzfelder - vom Automobil- und Flugzeugbau über das Bauwesen bis hin zum Schutz- und Sportsektor.
Deutschland ist mit einem Anteil von 12,5 Prozent der weltweit größte Exporteur technischer Textilien. Innovationsstarke Unternehmen und eine ausgezeichnete Forschungslandschaft mit 16 Textilforschungsinstituten begründen die Technologieführerschaft. Die wichtigsten Abnehmer für technische Textilien in Deutschland sind heute das Transportwesen (22 Prozent), die Industrietechnik (18 Prozent) sowie der Hygiene- und Medizinsektor (13 Prozent). Großes Innovationspotenzial und Wachstumschancen für die nächsten 7 Jahre sehen die befragten Firmen und Institute insbesondere bei Textilien für den Medizin- und Automobilsektor sowie das Bauwesen.
CHEMIEFASERINDUSTRIE -
Fasern „Made in Germany" für Nachhaltigkeit und Funktionalität
59 Prozent der in Deutschland hergestellten Chemiefasern werden mittlerweile für die Fertigung technischer Textilien eingesetzt. Spezialfasern bilden somit den Schwerpunkt der Produktion. Wie wird sich der deutsche Chemiefasermarkt weiter entwickeln? Die Einflussfaktoren sind zahlreich: Energiekosten, weltweit bestehende Überkapazitäten, steigende Rohstoffpreise und Umweltauflagen sowie Rohölknappheit. Innovationen sind gefragt.
Entwicklungen werden derzeit von dem Thema „Nachhaltigkeit und Funktionalität" geprägt. Vor allem neue Spezialfasern mit hoher Temperaturbeständigkeit und Zugfestigkeit sowie biologisch abbaubare und auf nachwachsenden Rohstoffen basierende Biopolymere stehen bei den befragten Unternehmen auf der Wunschliste.
Jüngst entwickelte Siliziumcarbidfasern weisen zum Beispiel eine Temperaturbeständigkeit bis zu 1.300 °C auf. Sie können für Verstärkungsstrukturen in Gas- und Flugturbinen verwendet werden. Bei den Biopolymeren liegt die Hoffnung unter anderem auf Polylactid (PLA): Es wird auf Basis stärkehaltiger Pflanzen wie Mais hergestellt. Hier leistet die Biotechnologie einen wesentlichen Beitrag. PLA-Fasern werden heute zum Beispiel im Hygienebereich oder in der Medizin für Implantate eingesetzt. Mit einem günstigeren Preis sind weitere Anwendungen für Konsumgüter, Heimtextilien oder Geo- und Agrartextilien zu erwarten. Jedoch eignet sich die Faser noch nicht für Einsatzgebiete mit hohen Anforderungen an Beständigkeit und Robustheit wie im Automobilbau. Deshalb wird kontinuierlich an der Optimierung der verfügbaren Qualitäten, Additive und Verfahren gearbeitet. Ein großes Wachstum wird bei synthetischen Cellulosefasern (Viskose, Tencel) prognostiziert. Sie basieren auf dem Rohstoff Holz und zeichnen sich durch sehr gute Trageeigenschaften aus. Außerdem können sie mit spezifischen Funktionen für technische Anwendungen versehen werden. Führende Hersteller sitzen in Europa, unter anderem auch in Bayern.
MEDIZINTEXTILIEN -
Wachstumsfeld mit zahlreichen Optionen
Gesundheit geht uns alle an. Nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels, der steigenden Nachfrage nach Lebensqualität und medizintechnischer Innovationen ist der Gesundheitssektor ein bedeutender Wachstumsmarkt. Zum therapeutischen und chirurgischen Fortschritt können technische Textilien zukünftig wesentlich beitragen. Experten erwarten in diesem Feld jährliche Wachstumsraten von 5 bis 10 Prozent.
Die Einsatzgebiete sind vielfältig: Speziell antimikrobiell ausgestattete Textilien können den Hygieneplan in Krankenhäusern ergänzen und somit helfen, die Infektionskette zu unterbrechen und nosokomiale Infektionen zu verhindern. Therapeutisch aktive Wundauflagen sollen die Wundheilung fördern. Die Entwicklung von Wundauflagen mit intelligentem Wirkstoffspeicher, zum Beispiel aus Nanofasern oder Cellulose-Hohlfasern, stellt einen Forschungsschwerpunkt dar. Ebenso wird an der Integration sensorischer Funktionen gearbeitet. Dies soll die frühzeitige Erkennung kritischer Wundheilungsprozesse ermöglichen. Ein bedeutendes Zukunftsfeld ist ebenfalls das Tissue Engineering: Die Züchtung von Knochen- und Gewebeersatz über das Einbringen von Zellen in eine textile Trägerstruktur (Scaffold). Aktuelle Entwicklungsaktivitäten konzentrieren sich auf resorbierbare Polymere und die Verbesserung der Biotoleranz textiler Implantate. Neue Ansätze werden insbesondere auch von den jüngsten Ergebnissen in der Zellbiologie und Stammzellforschung erwartet.
BAUTEXTILIEN -
Gelten bereits als der fünfte Baustoff
Bauen mit Textilien? Aber ja. Textilien erschließen im Bauwesen immer mehr Bereiche, die bisher von klassischen Baustoffen wie Stahl, Holz oder Glas geprägt sind. Jeder hat die Bilder der beeindruckenden Fußballstadien der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika im Kopf - sie wurden unter anderem mit textilen Membranen und Textilbeton gefertigt. Auch unter den Stadien für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wird es wieder textile Bauten geben. Das zeigt, Großereignisse sind besonders wichtig. Sie bewirken einen Schub in Infrastrukturprojekten und sind essenziell für die Realisierung von Innovationen im Bauwesen. Ein Forschungsschwerpunkt im Membranbau ist die Optimierung des Werkstoffs. So wird an speziellen Mehrlagensystemen für eine bessere Wärmedämmung sowie an der thermischen Nutzung von Sonnenergie geforscht. Ferner wird an Membranen aus Carbonfasern gearbeitet. Keine Korrosionsanfälligkeit, noch höhere Dauerhaftigkeit und geringere Wartungskosten zählen zu ihren Vorteilen. Diese machen Carbonfasern ebenfalls als Betonbewehrung - alternativ zu Stahl - interessant. Allein eine Lage Carbonfasergelege kann die Traglast vervierfachen. Zudem reicht ein geringerer Gesamtaufbau aus: 2 bis 3 cm anstatt 8 bis 10 cm bei Stahl. Mit der allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung erster Verstärkungsstrukturen rechnet man Ende 2012. Das wird einen weiteren Aufschwung bei Textilbewehrungen bewirken.
KOOPERATION -
Erfolgsfaktor für Innovation
Für die Realisierung textiler Innovationen spielen Kooperationen entlang der textilen Kette, aber auch mit den Anwendern und Forschungseinrichtungen eine herausragende Rolle. Dies bestätigten die Unternehmen und Institute in den Interviews. Insbesondere Netzwerke und Cluster, die den Zugang sowohl zu anderen Technologien und Branchen als auch zu neuen Kooperationspartnern ermöglichen, sind von Bedeutung. Dadurch werden wichtige Impulse für die eigene Tätigkeit gewonnen.
Bayerns Textilindustrie: Vernetzt, innovationsstark, zukunftsorientiert - Studie „Textil und Zukunft“ der Bayern Innovativ GmbH