

Am 8. Dezember 2009 fand das 1. Clusterforum zum Thema „Risikomanagement in der Automobilzulieferindustrie“ statt. Die Veranstaltung wurde vom Cluster Automotive in Zusammenarbeit mit der Funk RMCE GmbH organisiert. Über 70 Teilnehmer, davon gut ein Drittel aus Bayern bekamen mit 9 Vorträgen einen umfassenden Überblick über Herausforderungen und Strategien des modernen Risikomanagements. Die Zuhörer und Referenten beteiligten sich intensiv an den von Holger Czuday, Clustermanager im Cluster Automotive sowie Günter Meier, Leiter Business Development & Networking bei der Funk RMCE GmbH moderierten Diskussionen.
Zu Beginn präsentierte Prof. Dr. Josef Nassauer, Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH und Sprecher des Cluster Automotive die Cluster- und Netzwerkaktivitäten der Bayern Innovativ GmbH im Themenbereich Automobil. Das gezielte Management von Chancen und Risiken in den bestehenden automobilen Wertschöpfungsketten ist in der jetzigen Marktsituatione essentiell. Dies war auch die Motivation für den Cluster Automotive, das Thema Risikomanagement neben den klassischen Technologieplattformen aufzugreifen und damit den Unternehmen Wege und Chancen aufzuzeigen.
Günter Meier, Funk RMCE GmbH, Nürnberg, führte in das Themenfeld ein indem er illustrierte, dass der Risikobegriff jegliche Abweichung vom Planziel bezeichnet – sowohl nach oben als auch nach unten. Eindringlich appellierte er, im Jahr 2010 intensiver über Risikomanagement nachzudenken, um in einem volatilen Marktumfeld Chancen zu identifizieren und erfolgreich zu nutzen. Basis dafür sei es, den Blick für Chancen und Risiken bei der Definition von Zielen zu schärfen und sich nicht allein auf ein Renditeziel festzulegen.
Auch Dr. Klaus van Marwyk, Principal bei Roland Berger Strategy Consultants GmbH, Düsseldorf, unterstrich die Bedeutung des Risikomanagements für 2010 und stellte einen vierstufigen Prozess zur kontinuierlichen Identifikation, Bewertung, Steuerung und Überwachung wirtschaftlicher Unsicherheiten vor. Darüber hinaus lenkte er das Augenmerk seiner Zuhörerschaft auf strategische Optionen, um sich bietende Marktchancen zu nutzen. Voraussetzung dafür sei, dass sich Zulieferer seit Herbst 2008 in einer dreiphasigen Entwicklung bei Produktions- und Strukturkosten verschlankt sowie hinsichtlich des Geschäftsmodells neu aufgestellt haben. Ferner gab van Marwyk transparenten Einblick in die möglichen Kommunikationsstrategien, die unter anderem Verhandlungen mit Kreditgebern erleichtern.
Die Bedeutung optimierter Geschäftsprozesse sowohl unternehmensintern als auch zwischen OEM und Tier-One-Zulieferern betonte Dipl.-Ökonom Jürgen Binder, Projektleiter, Dr.-Ing. h. c. F. Porsche AG, Stuttgart. Vor dem Hintergrund, dass ca. 85 Prozent der Wertschöpfung beim Automobil von Zulieferern erbracht wird, gelte es, gemeinsam und möglichst früh im Prozess Ziele zu definieren, Chancen und Risiken zu erkennen, zu bewerten und unverzüglich Anpassungen vorzunehmen. Entscheidend sei dabei, dass der OEM die Kooperation so gestaltet, dass die Zulieferer ihre Kompetenzen optimal einbringen können. Dazu ist insbesondere auch eine offene und transparente Kalkulation unerlässlich. Analog gilt dies für die Entwicklungsprozesse und Geschäftsbeziehungen zwischen Systemaggregatoren und Sublieferanten.
Welche Vorteile ein mittelständisches Unternehmen aus kontinuierlichem Risikomanagement ziehen kann, erläuterte Dipl.-Kfm. Christian Wallstabe, Geschäftsführung, Dichtungstechnik Wallstabe & Schneider GmbH & Co. KG, Niederwinkling. Der niederbayerische Zulieferer der dritten Stufe hat seit 2004 ein Risikomanagementsystem schrittweise implementiert und dadurch mehr Transparenz hinsichtlich der verschiedenen relevanten Geschäftsrisiken gewonnen. Daraus konnten beispielsweise Grundsätze für die Kapitalstruktur, Leitlinien für die Geschäftsentwicklung und das Lieferantenmanagement sowie konkrete Maßnahmen zur Risikovermeidung in der Produktion abgeleitet werden. Ferner konnte das Unternehmen mit der Einführung des Risikomanagementsystems seine Verhandlungsposition gegenüber Banken, Versicherungen und Kunden verbessern.
Prof. Dr. Dirk Schiereck, Leiter des Fachgebietes Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt, erläuterte, welche Risiken durch Fusionen und Übernahmen für den Unternehmenswert entstehen können. Zwar begrüße der Kapitalmarkt Konsolidierung in der Automobilbranche in der kurzfristigen Betrachtung, drei Jahre nach einem Zusammenschluss seien jedoch durchschnittlich 17 Prozent des Börsenwertes der beteiligten Firmen verlorengegangen. Daher lohne es sich, das jeweilige Szenario auch auf seine Aussichten am Kapitalmarkt hin zu untersuchen. Schiereck empfahl, zunächst kleine Transaktionen zu wagen und erst dann mit einschlägiger Erfahrung große Transaktionen anzugehen. Am schwierigsten seien mittelgroße Zusammenschlüsse von Unternehmen des gleichen Kontinents. Relativ unproblematische Fusionen und Übernahmen hingegen geschähen unter Firmen aus dem gleichen Land oder von verschiedenen Kontinenten.
Transparenz bei den Kennzahlen und ein klar definiertes, funktionierendes Geschäftsmodell sind bei der Erschließung neuer Finanzquellen die größten Trümpfe, machte Dr. Markus Mentz, Senior Projektleiter, Oliver Wyman Consulting GmbH, München, deutlich. In einem hochvolatilen Marktumfeld sei es zudem von Vorteil, neben einer Marktbeschreibung eine Analyse nach Segmenten vorzulegen, damit Chancen und Risiken möglichst detailgetreu abgebildet werden könnten. Sämtliche größeren Posten in der GuV seien dabei zu nennen. Dies gelte bei der Emission von Anleihen zur Finanzierung über den Kapitalmarkt in noch größerem Maße. Zulieferer sollten besonders darauf Wert legen, die Kommunikation mit Banken und Anlegern über die Finanzplanung kontinuierlich aufrechtzuerhalten und minutiös zu planen. Mentz betonte abschließend, dass die Kapitalbeschaffung für jedes Unternehmen zu einer Kernkompetenz werden müsse.
Auf den Prozess der Risikoidentifikation, -bewertung und –bewältigung ging auch Hendrik F. Löffler, Geschäftsführer, Funk RMCE GmbH, Hamburg, ausführlich ein. Diese Schritte seien unerlässlich, um sich auf Konjunkturschwankungen vorzubereiten. Löffler wies darauf hin, dass die meisten Unternehmen über Systeme verfügen, die sich per se mit Risiken auseinandersetzen. Oftmals mangele es jedoch an deren Vernetzung, um die Auswirkungen von Risiken auf das Betriebsergebnis transparent zu machen. Systematisches Risikomanagement trage ferner dazu bei, dass ein Unternehmen realistisch abschätzen kann, welche Risiken es selbst tragen kann, welche Risiken versichert werden sollten und welche Selbstbeteiligung jeweils gewählt werden sollte.
Das Lieferanten Protfolio Management als kontinuierlichen Prozeß stellte Michael Petrik, Director bei Alvarez & Marsal Deutschland GmbH, München, mit 6 Kernmodulen dar.
Entscheidend bei einer Unternehmenssanierung sei ein integrierter Ansatz und ein detaillierter Umsetzungsplan, um die Balance aus kurzfristigen Zielen zur Sicherung der Liquidität und Nachhaltigkeit sichern zu können. Dies beinhaltet auch die Frage, ob Ressourcen effizient auf die Kernkompetenzen abgestimmt sind. Ohne die Installation einer flexiblen Organisationsstruktur und eines variablen Produktionsnetzwerkes kann nachhaltige Ergebnissicherung nicht erzielt werden. Schließlich müssen Unternehmen „mit dem Markt atmen können“ um zu überleben.
Herr Björn Stübiger, Partner und Leiter Bereich Corporate Finance und M&A bei Rödel & Partner, München stellte abschließend Gestaltungsmöglichkeiten für Unternehmensfinanzierungen in der aktuellen Finanzmarktsituation dar. Er stellte dabei fest, dass es keine neuen, sondern vielmehr angepasste Finanzierungsinstrumente geben wird. Für die Unternehmen bedeutet das wiederum die Anpassung interner Strukturen an den Finanzmarkt. Die Bedeutung des Zugangs zu Kapital sollte in der Unternehmensstruktur abgebildet sein, die „Finanzer“ werden eine neue strategische Bedeutung im Unternehmen haben. Konkrete Finanzierungsformen wie Working Capital Management, Wareneinkaufsfinanzierung, Schuldscheindarlehen, Patentfinanzierung, Mezzanine- Kapital, private equity sowie Mitarbeiterbeteiligungen wurden ausführlich besprochen und mit den Teilnehmern diskutiert.
Das erste Clusterforum zum Thema „Risikomanagement in der Automobilindustrie“ versteht sich als Dachveranstaltung für künftige Arbeitskreise zur Vertiefung von Risikomanagementthemen. Das 2. Clusterforum zum Thema Risikomanagement findet voraussichtlich im Dezember 2010 statt.