Kooperationsforum mit Fachausstellung

Sport & Lifestyle

Material, Funktion, Design

Nachbericht

  • Innovation und Branding
  • Top-Produkte und -Technologien
  • 130 Teilnehmer aus vier Ländern beim erstmaligen Forum in Starnberg

Über den Spitzensport finden Innovationen Zugang in den Breitensport und Lifestylesektor. Hier sorgen sie für Umsatzwachstum. 2008 verzeichnete allein die Outdoorbranche europaweit einen Umsatz von 6 Milliarden Euro, weltweit wird er auf 43 Milliarden Euro geschätzt.
Verstärkt wird die Nachfrage durch sich verändernde Wertevorstellungen in der Gesellschaft. Gesundheit und sportliche Aktivität werden zu einem wichtigen Element für Lebensqualität. Sport ist somit Bestandteil einer ganzheitlichen Lebensführung, die zusätzlich Ernährung und Wellness einschließt. Experten sehen einen Nachfrageboom für Sportprodukte kommen.

Vor diesem Hintergrund konzipierte und organisierte die Bayern Innovativ GmbH in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung Starnberg das erstmalige Kooperationsforum „Sport & Lifestyle“ am  7. Juli 2009 in Starnberg. Vertreten waren 130 Teilnehmer von Wirtschaft, Forschung und dem öffentlichen Bereich aus den Ländern Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien. Sie informierten sich über Trends und Entwicklungen im Rad-, Lauf-, Berg- und Segelsport und knüpften zielgerichtet Kontakte, um gemeinsam Projekte anzugehen.

Die nachfolgenden Inhalte sind wie folgt gegliedert:

Markttrends

Bayerns Wirtschaftsstaatssekretärin Katja Hessel betonte in ihrer Eröffnungsrede, dass Innovationen essenziell sind, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein - gerade in Anbetracht immer kürzerer Produktlebenszyklen, sich änderndem Verbraucherverhalten und steigendem Preisdruck. Für die Initiierung notwendiger Kooperationen sind Netzwerkstrukturen und Informationsplattformen wie „Sport & Lifestyle“ von großer Bedeutung. Darüber hinaus ist gerade in der jetzigen Zeit eine Portion Optimismus erforderlich; Wirtschaftspolitik besteht zu 50 Prozent aus Psychologie. 

Auch in der Vermarktung von Sportprodukten spielt die Psychologie eine große Rolle. „Die Produkte müssen den Kunden emotional erreichen - Neuromarketing ist der Schlüssel zum Erfolg. Dann öffnet sich sich der Kunde auch für technische Innovationen“, erläuterte Prof. Dr. Josef Nassauer, Geschäftsführer, Bayern Innovativ GmbH.

„Verschiedene Werte und Einstellungen prägen die unterschiedlichen Sportarten, dies zeigt sich in Designtrends und Handel“, führte Gabriela Kaiser, trendagentur Futurize, aus. Skaten gilt z. B. als die mutigste und modischste Szene. Trends aus diesem Segment fließen abgeschwächt in andere Sportbereiche ein.
Als Color + Rush Trends 2010/2011 sieht Gabriela Kaiser z. B. im Rad- und Laufsport kräftige Farben. Der Handel ist clean und stylish gestaltet – die Funktionalität steht im Vordergrund. Im Vergleich dazu werden bei Trekking-Produkten bewusst gedecktere und natürliche Farben verwendet und der Handel nutzt bewusst die Natur als Presenter, um die Abendteuerlust beim Kunden zu wecken.
Erkennbar ist außerdem, dass Sportarten verstärkt in ein neues Umfeld getragen werden: Trekking hat sich zur  Trendsportart „Parkour“ im urbanen Gelände entwickelt. Der Traceur nimmt hier den schnellsten und effizientesten Weg von A nach B und überwindet dabei sämtliche Hindernisse durch überspringen und -klettern. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in der traditionellen Sportart Golf mit der neuen Variante Cross-Golf im urbanen Gelände.
Charakteristisch für die Produkte ist ein „Handwerkliches“ Design wie hervorgehobene Nähte an den Schuhen. Die Präsentation im Handel erfolgt in emotionaler, dem Produkt angepasster Umgebung. Der Kunde soll mit dem Produkt „Geschichten“ verbinden. Dies ist für eine erfolgreiche Produktvermarktung im Sinne des Neuromarketings essenziell, denn Funktion und Qualität werden als gegeben angenommen.

Innovationen in Sportkleidung

Singuläre Lösungsansätze führen häufig nicht zu massiven Neuerungen in der Sportkleidung, es ist vielmehr ein Gesamtkonzept erforderlich. Bei der Ideenschmiede X-Technology aus der Schweiz beinhaltet es die Faktoren 3D-Technologie, Design und Material. Konsequent werden Prinzipien der Bionik berücksichtigt, um physiologisch optimal angepasste Funktionskleidung zu realisieren, wie Dr. Stephanie Lambertz, CTO, X-Technology, darstellte. Ziel ist es, den Athleten in seiner Leistungsfähigkeit zu unterstützen. Deshalb arbeitet X-Technology in der Entwicklung eng mit Sportmedizinern und Physiologen zusammen.

Studien zeigen, dass ein Sportler bis zu 97 Prozent seiner Energie für die Regulierung der eigenen Körpertemperatur verbraucht. Die X-Bionic® Technologie, ausgezeichnet mit dem „Most Innovative Brand Award 2009“, resultiert aus dieser Erkenntnis. Durch spezielle dreidimensionale Strickstrukturen und das patentierte 3D-BionicSphere® System nimmt die Funktionskleidung so viel Schweiß auf, dass ein feiner Feuchtigkeitsfilm auf der Haut bleibt und den Körper kühlt.
Für das innovative xitanit®-Garn, diente der Wüstenfuchs Fennek als Vorbild. Das Garn ist silbrig glänzend wie dessen Fell. Wärmeeinstrahlung von Sonne und Umgebung wird reflektiert und ein „Schatten-Tragegefühl“ erzeugt.
Auch im Bereich der Kompressionsbekleidung verfolgt X-Technology einen neuen Ansatz: partielle, kapillar- und gefäßoptimierte Kompression, die gleichzeitig Durchblutung und Wärmeabstrahlung zulässt.

Kompressionsbekleidung ist vor allem im Ausdauersport wie dem Triathlon stark gefragt. „Triathlon zählt zu den boomenden Sportarten und wird aufgrund der konsumfreudigen Kundengruppe als ein Vorreiter im Sportbereich betrachtet“, unterstrich Matthias Filser, Geschäftsführer Filser Sport & Marketing GmbH und ehemaliges Mitglied der Triathlon-Nationalmannschaft. Zu den Innovationspotenzialen in der Schwimmausrüstung zählen u. a. die Verbesserung von Wasserlage und Auftrieb, die Reduktion der Wasserreibung durch spezielle Oberflächen oder eine bestmögliche Rundumsicht durch neuartige Brillen.
Gewichtseinsparung und erhöhte Steifigkeit, verbesserte Aerodynamik und unterstützende Kompressionsbekleidung stehen beim Radequipment im Vordergrund, während bei der Laufausstattung der Fokus auf anatomische und körperbetonte Schnitte sowie Bekleidung zur aktiven Belastung und Regeneration liegt.
Die führende Triathlonmarke 2XU setzt bei Neoprenanzügen verschiedene Materialien an spezifischen Körperstellen ein, um z. B. einen optimalen Auftrieb an der Frontseite und höchste Flexibilität unter den Armen und auf den Schultern zu erhalten. Letzteres wird mit einer 520 Prozent dehnfähigen Innenbeschichtung erzielt. Der Leistungssteigerung dienen zudem ein Silikonaufsatz an den Unterarmen für eine stärkere Wasserverdrängung und „Propulsion Panels“ auf den Schienbeinen für mehr Effektivität und Vortrieb beim Beinschlag. Ein weiteres Beispiel für Innovationen von 2XU ist der „Super Elite Triathlon Einteiler“. Er besteht aus einem Hydrocell-Gewebe mit wasserabweisender Silikonbeschichtung, die für Hydrodynamik im Wasser sorgt und atmungsaktiv ist.
 
Multifunktionalität und ein perfektes Zusammenspiel von Material und Konfektion sind auch in der Bergausrüstung von Bedeutung. Entwicklungen werden hier getrieben von immer extremeren Formen des Alpinismus wie Speedbesteigungen oder die Kombination von Einzeldisziplinen. Sie stellen noch spezifischere Anforderungen an das eingesetzte Material. Die Ausrüstung für Speedklettern muss funktionell, vor allem aber leicht und robust sein. „Der Fokus ,Gewicht’ spiegelt sich auch in einem reduzierten Design wider“, veranschaulichte Stefan Krause, Bereichsleiter Bekleidung, VAUDE, am Beispiel der „Slight Pro Jacket Women“, die nur 233 g wiegt. 
Die Kombination verschiedener Einzeldisziplinen führt zu innovativen Produkten wie den „Mera Peak Pants“, die als eine technische Revolution in der Szene angesehen werden. In die Hose ist ein 110 g schwerer, auch herausnehmbarer, Klettergurt integriert, der sich jeder Bewegung des Sportlers anpasst und kaum zu spüren ist.

Sport und Gesundheit werden die ersten Einsatzfelder für Wearable Electronics sein, z. B. für die Überwachung von Vitalparametern, aber auch zur Warnung vor Erfrierungen, Überhitzung oder sauerstoffarmer Luft bei Extremsportarten. Durch die Verwendung körpernaher Sensorik und Aktorik können hier neuartige Produkte realisiert werden. „Aktueller Stand ist eine hybride Integration der Elektronik durch textile Sensoren und Aktoren sowie miniaturisierte Elektronik“, erklärte Andreas Röpert, CEO, Interactive Wear AG, Starnberg. Vision für 2015 plus ist eine Vollintegration durch textile, organische und gedruckte Komponenten. Folgende Innovationen werden in der Elektronik u. a. erwartet: starker Anstieg der Sensorik durch neue MEMS Sensoren und günstige Massenproduktion, Sensoren auf Basis neuer Materialien und textiler Techniken wie Weben oder Sticken, neue Speichertechnologien sowie stetige Verbesserung der Stromversorgung durch neue Werkstoffe und organische Solarzellen. Für die konsequente Weiterentwicklung und breite Markteinführung von Wearable Electronics ist eine multidisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Technologie- und Fertigungskompetenzen nötig.

Innovationen in Ausrüstung und Geräten

Im Hardwarebereich des Bergsports ist  z. B. die ergonomische Auslegung von Rucksäcken eine Herausforderung. Ziel ist eine druckfreie Verteilung der Last über den gesamten Rücken, eine flexible Anpassung an unterschiedliche Rückenformen und ein guter Kraftschluss zwischen Hüftgurt und Becken. Mit dem individuell justierbaren Twist2Fit-System hat VAUDE einen Hüftgurt entwickelt, der auf die jeweilige Hüftform einstellbar ist und die Lastübertragung auf die Hüfte sowie den Tragekomfort verbessert.
Im Zeltbereich zählt ein beidseitig silikonisertes Material zu den jüngsten Innovationen: Es ist bis zu 35 Prozent leichter als PU-Beschichtetes Material und gleichzeitig widerstandsfähig gegen Wind und Wetter. Des Weiteren zeichnet es sich aus durch hervorragende Weiterreißeigenschaften, hohe UV-Beständigkeit und exzellentes Abperlverhalten. Der Clou ist ein Selbstreperatur-Effekt, d.h. kleine Risse und Löcher im Zelt können allein durch das Reiben des Materials zwischen den Fingern wieder wasserdicht verschlossen werden.

Textile Materialien für Gleitschirme oder Segeltücher müssen sehr leicht sein und gleichzeitig starken Krafteineinwirkungen und Umwelteinflüssen Stand halten. Gefordert werden u. a. eine möglichst geringe Luftdurchlässigkeit und Dehnung, hohe Reißfestigkeit und UV-Beständigkeit sowie ein geringer Weißbruch (helle Streifen auf der Oberfläche durch Falten und Zusammenlegen des Gewebes). Führend im Bereich der Spinnaker-Fertigung ist die ISTEC AG, die zu dem renommierten Gleitschirmhersteller SWING gehört. Dessen Know-How wird auch für die Segeltuchproduktion nach luftfahrttechnischen Standards genutzt, wie Volker Lamp, ISTEC AG, konstatierte. So konnten beim parasailor2 neben der reinen Funktionsoptimierung neue Standards in Verarbeitung und Segelschnitt erarbeitet werden.

Neben dem textilen Flächengewebe beeinflussen auch die Seile die aerodynamische Form des Gleitschirms erheblich. Es werden Seile mit geringster Dehnung und höchster Bruchlast verwendet, dadurch wird der Energieverlust im Seil minimiert.
Künftige Entwicklungspotenziale sieht Karl-Friedrich Rosenberger, Geschäftsführer, LIROS, in Beschichtungen und Endverbindungen wie Kunststoff-Spritzgußteilen. Denn jedes Seil ist nur so gut, wie seine Endverbindung.
Flechttechnologien zur Seilherstellung werden in die Fertigung von Carbonfaserbauteilen transferiert, z. B. für Rennräder und Mountainbikes. Vorteil der Carbonfaserwerkstoffe ist ein geringes Gewicht bei gleichzeitig hoher mechanischer Festigkeit. Ein wichtiger Aspekt ist jedoch die Prüfung und Qualitätssicherung der CFK-Produkte, wie Matthias Blümel, Geschäftsführer, Vispiron Assis GmbH, darlegte. Für eine zuverlässige Prüfung sind drei Schritte notwendig: die Ermittlung realer Betriebslasten, die betriebsfeste Auslegung und die praxisrelevante Versuchsdurchführung. Am Beispiel des Radsportes zeigte Matthias Blümel wie unterschiedlich der Alltagsgebrauch ausfallen kann und welche Schwierigkeiten für die Lastauslegung in Bezug auf Fehlgebrauch oder Missbrauch existieren. Zusammen mit der TU München entwickelte Vispiron Asis ein umfangreiches Prüfsystem, dass nun der Geräteentwicklung ein entsprechendes Instrumentarium zu Seite stellt. Dies erfolgte im Rahmen eines durch die bayerische Forschungsstiftung geförderten Projektes. Indes gilt es noch den Bereich der Lebensdaueranalyse für Carbonfasermaterialien zu erforschen.
Hierfür ist auch der Input aus anderen Sportarten und Branchen relevant.

Einen Beitrag könnte z. B. der Bootsbau leisten: Carbonfasermaterialien werden in steigendem Umfang eingesetzt u. a. in Rumpf, Deck, Masten, Spierer, Kiele, Ruder und Segel, um das Gewicht zu reduzieren und besser zu verteilen sowie die Steifigkeit zu erhöhen. Damit können im Segelbereich Grenzen überschritten werden, die mit anderen Materialien nicht beherrschbar sind. Im Segeltuch ermöglichen Carbonfaserwerkstoffe z. B. einen anisotropen und lastenorientierten Aufbau, konstantere Profile und höhere Sicherheitsreserven.
Zukunftsperspektiven liegen nach Wulfram J. Schmucker, Geschäftsführer, Avantgarde Technologie Group, in der Entwicklung thermoplastischer Produktionsansätze, von Preformtechnologien und duroplastischer Verarbeitung im RTM-Verfahren (Injektionstechniken) sowie wirtschaftlicher Prozesse für die Umsetzung anisotroper Konstruktionsansätze.
Jüngst wurden die Avantgarde Technologie Group und die Heistracher Bootswerft für ein Kohlefaser-Leichtbauboot mit Elektroantrieb mit dem Bayerischen Staatspreis 2009 ausgezeichnet.

Dass neue Werkstoffe wie CFK zukünftig das Exterieur und Interieur in Booten bestimmen werden, ist auch die Überzeugung von Wolfgang Gebetsroither, arge.ateliers.  Er ist Designpartner der renommierten Frauscher Bootswerft in Gmunden, Österreich. Hierbei hat das Credo "die Form muss der Funktion folgen" für Wolfgang Gebetsroither wie für seinen Auftraggeber Gültigkeit.
Kennzeichnend für Frauscher-Yachten ist die Kombination von Tradition und Innovation, die sich im Design wieder findet, wie Geschäftsführer Stefan Frauscher, aufzeigte. Das Design ist wie bei anderen Produkten ausschlaggebend für den Erfolg.
Frauscher ist zudem Pionier in der Konzeption neuer Spitzenboote, die den Markt revolutionieren wie das weltweit erste serienmäßige Hybridboot oder Brennstoffzellenboot.
Der Ansatz von Tradition und Innovation setzt sich auch in Marketing und PR fort: Frauscher präsentierte sein neues Boot 717 GT seit Anfang des Jahres auf iTunes und Youtube mit fünf HD Video Podcasts, die in regelmäßigen Abständen veröffentlicht wurden. Alleine die attraktive Darstellung ohne Angabe jeglicher technischer Details und die damit verbundene Emotionalität resultierte bereits vor der offiziellen Vorstellung des neuen Bootes in ersten Kundenaufträgen.

Die faszinierenden Eindrücke von Frauscher bildeten das Abschlußhighlight des Kooperationsforums „Sport & Lifestyle“.
Auch in Zukunft wird die Bayern Innovativ GmbH den Sport- und Outdoorbereich in themenspezifischen Kooperationsforen aufgreifen. Das Zusammenspiel von Design, funktionellen Textilien und weiteren Materialien bietet das Potenzial für vielfältige spezifische Entwicklungen und Produktlösungen, getreu dem Motto:

„Wirklich innovativ ist nur, wer dorthin geht, wo die anderen nicht sind." (Reinhold Messner)

 
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