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„Zulieferer Innovativ 2010" - Schaufenster für Innovationen
Die Automobilindustrie zieht wieder an, die Innovationsdynamik nimmt weiter zu. Zahlreiche Zulieferer arbeiten an ihrer Kapazitäts- und Leistungsgrenze. Musste 2009 mancher seine Teilnahme wegen der Wirtschaftskrise absagen, so musste dieses Jahr mancher in letzter Minute aufgrund der überaus großen Nachfrage von Seiten der Hersteller stornieren
Dennoch - der 12. Jahreskongress „Zulieferer Innovativ 20010" war wieder begehrter Treffpunkt der nationalen und internationalen Automobil- und Zulieferbranche, begleitet von einer Ausstellung, die mit 195 Ausstellern einen neuen Rekord erreichte.
Konzeption und Organisation erfolgten durch Bayern Innovativ im Rahmen von Netzwerk BAIKA und Cluster Automotive. Der Kongress erfuhr umfassende Unterstützung durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie. Partner waren wiederum der Verband der Automobilindustrie VDA, Berlin, und die IFG Ingolstadt, vertreten durch Ingolstadts Oberbürgermeister Dr. Alfred Lehmann.
Der Kongress mit Ausstellung vermittelte auch in diesem Jahr hautnahen Einblick in Strategien und faszinierende Neuentwicklungen: Die nachfolgenden Inhalte sind wie folgt gegliedert:
Plenum
In seiner Eröffnungsrede hob Staatsminister Martin Zeil die enorme Bedeutung der Automobilindustrie für den Wirtschaftsstandort Bayern hervor. Ca. 170.000 Menschen erwirtschaften in diesem Industriezweig einen Umsatz von jährlich 77 Mrd. €. Sowohl der Automobilbau als auch die bayerische Wirtschaft insgesamt hätten die Folgen der Krise weitgehend überwunden. Von unschätzbarem Vorteil seien hierbei die Möglichkeiten zum konstruktiven Dialog zwischen den Vertretern der Branche. In diesem Zusammenhang dankte Minister Zeil Prof. Nassauer und dem Team der Bayern Innovativ für die Konzeption und Durchführung des Jahreskongresses Zulieferer Innovativ, einem international anerkannten und in seiner Art einzigartigen Kongress mit Signalwirkung für Trends und Innovationen.
Sowohl die Kongressbeiträge als auch die Ausstellung unterstrichen, so der Wirtschaftsminister, die wachsende Bedeutung der Elektromobilität in den Aktivitäten der Automobilindustrie. Hierfür sei die Entwicklung völlig neuer Komponenten sowie einer umfassenden Infrastruktur notwendig. Dabei könne die Elektromobilität nur dann einen umfassenden Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstoßes leisten, wenn der Strom aus regenerativen Energiequellen erzeugt würde. Die Politik wolle mit der Schaffung optimaler Rahmenbedingungen ihren Beitrag zum Erfolg der Elektromobilität leisten. „Das Mutterland des Verbrennungsmotors muß auch Taktgeber bei der Entwicklung neuer Antriebe sein", so der Wirtschaftsminister.
Innovationen seien hierbei von herausragender Bedeutung und bildeten die Basis für die Arbeitsplätze von morgen. Die Elektromobilität eröffne zudem erhebliche Potenziale in anderen Technologiefeldern wie der grünen Biotechnologie, den Neuen Materialien, der Luft- und Raumfahrt sowie der Informations- und Kommunikationstechnologie. Dabei komme der Cluster-Offensive eine Schlüsselfunktion für den branchen- und technologieübergreifenden Dialog sowie der Realisierung von Innovationen zu. Sie werde daher mit einem besonderen Schwerpunkt ‚Elektromobilität' fortgesetzt.
Ziel der Staatsregierung sei es, so der Wirtschaftsminister abschließend, Bayern weltweit unter den fünf stärksten Technologieregionen zu etablieren. Als Schlüsseltechnologien nannte der Wirtschaftsminister neben der Automobilindustrie und der Elektromobilität die Faserverbundwerkstoffe, das Thema der Energieeffizienz, die Medizintechnik sowie den IT-Bereich.
Hierfür verfolgt das bayerische Kabinett eine 5-Punkte-Strategie - vom Ausbau der Modellregionen Elektromobilität über die Clusterinitiative, die Förderung von Leuchtturmprojekten mit überregionaler Signalwirkung bis hin zu unterstützenden Maßnahmen für die Markteinführung von Elektrofahrzeugen Die Bayern Innovativ wird dabei mit dem Cluster Automotive zentrale Aufgaben übernehmen. Erste Ergebnisse werde man im September vorstellen, so der Wirtschaftsminister.
Michael Renz, Leiter Vertrieb Deutschland der Audi AG, bot im Anschluss einen exzellenten Einblick in die Welt der kundenorientierten Trendforschung als Grundlage einer vorausschauenden Produktentwicklung sowie einer erfolgreichen Marketing- und Vertriebsstrategie eines Premiumherstellers.
Rund 2,3 Mio Interviews werden jedes Jahr mit unterschiedlichen Kundengruppen geführt. Aus dieser Vielzahl an Informationen hat das Haus Audi 10 Megatrends identifiziert. Beispielsweise werden „Womanomics" und „Senior Clients" als Zielgruppe an Bedeutung gewinnen. Dies erfordert eine spezifische Anpassung sowohl beim Produkt als auch bei der Kommunikation. Gleichzeitig folgt hieraus eine Verstärkung des Trends der Individualisierung, der eng verbunden ist mit einer steigenden „Me Culture", die die individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Konsequenz ist eine stark steigende Variantenvielfallt mit zunehmender Komplexität bei Entwicklung, Produktion und Vertrieb. Der Komplexität des Produktes mit seinen vielen, durch die heutigen technischen Möglichkeiten integrierten Funktionen entgegenzuwirken ist wiederum der identifizierte Trend nach „Simplicity" im Sinne der einfachen und dennoch individuellen Nutzung und Bedienbarkeit.
Dies zeigte Michael Renz beispielhaft und eindrucksvoll anhand der Entwicklungen beim Cockpit mit einer übersichtlichen, bedienerfreundlichen Anordnung der Funktionen sowie dem Audi-Komfort-Schlüssel, der es dem Nutzer ermöglicht, auf einfachste Weise individuelle Komforteinstellungen zu aktivieren. Das Konzept zeigt sich auch deutlich im Handel: Die heutigen Audi-Verkaufszentren sind moderne, helle und klar strukturierte Gebäude in Terminalbauweise, die den Kunden einfachen Zugang zu umfassendem Service bieten.
Die Umsetzung von Megatrends ins Produkt ist - zusammen mit der technologischen Innovation - der Schlüssel zum Erfolg einer Premiummarke, fasste Michael Renz zusammen.
Einen Überblick bezüglich der aktuelle Situation der Automobilindustrie und der hieran ausgerichteten Entwicklungsstrategien eines weltweit führenden Zulieferers gab Dr. Michael Paul, Vorstand der ZF Friedrichshafen AG, in seinem Beitrag.
Die globalen Herausforderungen treffen Hersteller und Zulieferer gleichermaßen. Hierzu gehören Verbrauchs- und Emissionsreduzierung, die große Nachfrage nach kleineren Fahrzeugsegmenten in den Emerging Markets, steigende Preissensitivität und Kostendruck, der nach wie vor anhaltende Konzentrationsprozess in der Branche und die Insolvenzrisiken in der automobilen Wertschöpfungskette.
Mit einem differenzierten Angebot aus kundenorientierten Lösungen im Premiumsegment auf der einen Seite sowie volumenorientierten Lösungen in den neuen Märkten auf der anderen Seite begegnet ZF diesen Herausforderungen:
Seine Position als weltweiter Technologieführer bei Produkten und Systemen im Antriebsstrang und im Fahrwerk baut der Konzern durch Weiterentwicklungen und Innovationen konsequent aus und positioniert sich vor allem bei Zukunftstechnologien für das Premiumsegment in den etablierten Märkten. Hierzu gehören insbesondere die Hybrid- und die elektrischen Antriebstechnologien. So lassen sich mit Innovationen im Antriebsstrang wie automatischen Getriebesystemen, aktiven Fahrwerksystemen und neuen Leichtbautechnologien erhebliche CO2-Reduktionen erzielen. Die bayerischen Standorte sind hierbei von zentraler Bedeutung für die Entwicklung und Fertigung von Hightech-Komponenten.
Gleichzeitig verfolgt ZF eine verstärkte Ausrichtung auf neue Kunden und neue Märkte durch Fokussierung auf die kleineren Fahrzeugsegmente mit großen Volumina. Skaleneffekte durch Standardisierung sowie Einsparungspotenziale auf der Basis umfassender, weltweiter Produktions- und Absatzvolumen stehen hierbei im Vordergrund. Voraussetzungen zur Erschließung neuer Märkte liegen dabei einerseits bei regionalen Innovationen (design to market) und andererseits bei weltweit vernetzten Entwicklungen auf der Basis eines unternehmensweiten, methodischen Innovationsprozesses.
Neue Materialien und Technologien sind von großer Bedeutung für die Realisierung heutiger und zukünftiger Fahrzeugkonzepte mit einem Höchstmaß an Funktionsintegration. Dies gilt in besonderer Weise auch für die Halbleitertechnologie, wie Claus Geisler, Senior Vice President Automotive, Infineon Technologies AG, aufzeigte. „Kein Elektrofahrzeug ohne Halbleitertechnologie", so das klare Statement im Hinblick auf die Zukunftsperspektive E- Mobilität.
Auf dem Weg zu marktreifen Elektrofahrzeugen sind hierbei noch zahlreiche Fragestellungen zu lösen. Technische Kernelemente sind in diesem Zusammenhang - neben der Speichertechnologie - Komponenten für Energieverteilung und -management ebenso wie für Kommunikationsinfrastruktur. Halbleiter nehmen hierbei eine zentrale Rolle ein, z. B. beim Batteriemanagement, beim Balancing der Batteriezellen, bei der effizienten Batterie-Konditionierung zum Erhalt der optimalen Umgebungstemperatur bis hin zur Realisierung von Smart Grids.
Bei einem breiten Einsatz von Halbleitern in Elektrofahrzeugen kann zudem eine Kostenreduzierung durch Verringerung der Komplexität in der Produktion und durch Skaleneffekte erreicht werden. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine weitgehende Standardisierung. Diese leistet auch hinsichtlich der Sicherheit einen wichtigen Beitrag, denn sie schafft die Basis für vergleichbare Tests, elektromagnetische Verträglichkeit sowie das sichere Handling von hohen Spannungen und Strömen im Service-Bereich.
„Infineon verfügt über langjährige Erfahrungen im Bereich stationärer Antriebe, integrierter Schaltungen, leistungselektronischer Bauteile - hervorragende Voraussetzungen zur schnellen Weiterentwicklung der Systeme für Elektromobilität. Hier kann Infineon die Automobilindustrie als zukünftiger Zulieferer wichtiger Schlüssel-Technologien und Komponenten unterstützen - kostengünstig, energieeffizient und mit hoher Leistungsdichte - für eine effiziente und nachhaltige Mobilität.", schloss Geisler in seiner Zusammenfassung.
Neben technischen Innovationen ist deren Finanzierung entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Die Bankenbranche befindet sich derzeit in einer Umstrukturierungsphase: ausländische Banken haben sich weitgehend aus dem Kreditgeschäft zurückgezogen, und der Konzentrationsprozeß im deutschen Bankensegment hält nach wie vor an. Dieses veränderte Umfeld beeinflußt massiv die Rahmenbedingungen zur Unternehmensfinanzierung. Laut Ernst Burger, Mitglied der Geschäftsleitung der Commerzbank AG, ist es daher unerläßlich, dass die Unternehmen sich auf diese veränderte Situation einstellen und wichtige Regeln beachten.
Erstes Ziel müsse es sein, eine nachhaltige Beziehung zu einer Hausbank aufzubauen und diese proaktiv zu pflegen. Bei der Vergabe von Krediten müsse zudem der elektronische Footprint/Profilabdruck des Unternehmens gepflegt werden, um einer Ratingabstufung durch die weitgehend automatisierten und hochsensiblen elektronischen Bewertungssysteme vorzubeugen. „Unregelmäßigkeiten im Zahlungsverkehr haben eine nahezu zerstörende Wirkung auf das Rating eines Unternehmens", so Ernst Burger.
Desweiteren sei der Blick auf die Zukunftsfähigkeit für die Vergabe von Krediten ausschlaggebend. „Banken benötigen in der heutigen Zeit mehr denn je innovative Assistenzsysteme für eine bessere Bewertung von Kreditrisiken. Dabei verleiht eine überzeugende Zukunftsfähigkeit eines Geschäftsmodells, vergleichbar einem adaptiven Kurvenlicht, für mehr Weitblick und Sicherheit auf beiden Seiten", führte Ernst Burger aus. „Zukunftsfähigkeit belegen heißt dabei, ein attraktives Profil zu präsentieren. Dazu gehört neben der Unternehmens- insbesondere die Marktattraktivität - von der Bewertung der Marktentwicklung bis hin zur Wettbewerbsintensität und -position des Unternehmens.
Als aktuellen „Turbolader zur Unternehmensfinanzierung" empfahl der Experte das KfW-Innovationsprogramm mit hervorragenden Rahmenbedingungen, langfristig niedrigen Zinsen sowie optimalen Bedingungen für Sicherheiten und Rückzahlung.
Prof. Josef Nassauer, Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH und Sprecher des Clusters Automotive, gab zum Abschluss der Plenumsreihe einen komprimierten Überblick über aktuelle Trends und Entwicklungen in der Automobilbranche und über Potenziale der Netzwerk und Cluster Tätigkeit für Open Innovation. Die Automobilindustrie zieht wieder an, die Innovationsdynamik nimmt zu. Zentrale Innovationsfelder sind u. a. konventionelle Antriebstechnik und Elektromobilität, Fahrerassistenzsysteme für mehr Sicherheit und Komfort, attraktive Gestaltung von Interieur und Exterieur, sowie Elektronik und Neue Materialien als Basistechnologien für erhöhte Funktionalität konsequenten Leichtbau.
Verbrennungsmotoren werden noch über Jahrzehnte als Antriebsaggregate dominieren. Erst für das Jahr 2030 erreichen andere Antriebssysteme laut einer Prognose des Institutes für Automobilwirtschaft (IFA) in Summe einen Anteil von etwa 50 %. Entsprechend intensiv arbeiten Motorenentwickler und -forscher an der Erschließung weiterer Potenziale zur Effizienzsteigerung bei Verbrennungsmotoren.
Der Verbrennungsmotor wird auch in der Rolle als Range Extender zur Erzielung größerer Reichweiten von Elektrofahrzeugen von Bedeutung sein. Auch dies ist ein Feld intensiver Entwicklungstätigkeit, hier optimale Konzepte, Auslegung und Betriebspunkte zu erarbeiten.
Daneben ist die Elektromobilität ein überragender Entwicklungsschwerpunkt.
Viele technologische Innovationen sind hierfür noch zu entwickeln. Innovationen, die heute schnell und effizient fast ausschließlich in Kooperationen und durch „Open Innovation" zu initiieren und realisieren sind. Hier nehmen Netzwerke und Cluster eine zentrale Stellung ein, denn sie ermöglichen Technologietransfer, das Zusammenführen von Kompetenzen für gemeinsame Entwicklungsziele. Dies bietet Bayern Innovativ mit seinen Netzwerken und Clustern auch über Branchen und Technologien hinweg mit vielfältigen Möglichkeiten für neue, gewinnbringende Impulse und Kontakte. Als Beispiele nannte Prof. Nassauer das seit 1997 etablierte internationale Netzwerk BAIKA, das heute über 2200 Unternehmen und wissenschaftliche Institute aus ca. 50 Ländern umfasst - unschätzbare Quelle für Impulse und Kontakte für neue Kooperationen und Entwicklungen. Stärker thematisch fokussiert und vertieft und mit einem klaren geographischen Bezug wirkt synergetisch dazu der bayerische Cluster Automotive. Er bietet zusätzliche und vertiefende Dienstleistungen wie Analysen, Studien, Workshops, Arbeitskreise zur Strukturierung von Verbundprojekten bis hin zum Projektmanagement.
Wertigkeit & Emotion
Trends in der Automobilindustrie erfordern innovative Konzepte in Design und Funktion, die in hohem Maße den Ansprüchen an Wertigkeit und Emotion genügen müssen, so Moderator Prof. Fritz Frenkler, Technische Universität München, Lehrstuhl für Industrial Design und Präsident der f/p design GmbH, in seiner Einführung der gleichnamigen Vortragsreihe.
„Wertigkeit & Emotion" bezieht sich dabei auf alle Sinne - hören, sehen, fühlen und riechen. Formgebung und Haptik, Akustik und Sound, Fahrdynamik und zunehmend auch Olfaktorik sind somit Schlüssel-Faktoren für ein Automobil.
Enzo Rothfuß, Audi Design, erläuterte den Designprozess eines neuen Fahrzeugs am Beispiel des Audi A1, dessen Markteinführung kurz bevorsteht. Der Designprozess startet rund 54 Monate vor der Produktion und ist geprägt von Leitbildern. Im Falle des Audi A1 sind es die Lifestyle-Attribute „einzigartig, modern, dynamisch, jung". Für die Gestaltung wird nach Assoziationen und Bildern gesucht, die sich im Fahrzeug wiederfinden. Alle Audi-Designelemente basieren dabei auf einer genau erarbeiteten Kinetik.
Auch bei zukünftigen Fahrzeugen wird das Design von Karosserie, Interieur und Sound von großer Bedeutung sein. „CO2-Reduzierung alleine garantiert noch keinen Markterfolg, sondern die Fahrzeuge müssen begehrenswert bleiben", unterstrich Johannes Guggenmos, Hauptabteilungsleiter Akustik und Schwingungen, BMW Group. Ein unverkennbarer Sound ist essenziell für die Fahrzeug- und Markendifferenzierung.
Aktuelle Herausforderungen sind die Soundgestaltung sowohl des Elektrofahrzeugs als auch beim Einsatz von Leichtbauteilen mit differenziertem Dämpfungs- und Schwingungsverhalten. z. B. beim Schließen der Fahrzeugtür. Hier sind auch Ideen der Zulieferer gefragt, so Josef Guggenmos. Dem Elektroantrieb fehlt im Vergleich zum Verbrennungsmotor eine akustische Betriebsbereitschaftsrückmeldung oder ein Last-Feedback vom Antrieb - es wird gerade daran gearbeitet, diese Information zu generieren. Des Weiteren werden unangenehme Nebengeräusche nicht mehr maskiert und Fußgänger können Elektrofahrzeuge im niedrigen Geschwindigkeitsbereich nicht wahrnehmen.
Klimatisierung und Heizung sind von höchster Bedeutung für das Wohlbefinden der Fahrzeuginsassen. Dr. Walter Schütz, Geschäftsführer, FutureCarbon GmbH, präsentierte eine innovative Heizfläche, die auf Kohlenstoff-Nanomaterialien beruht. Diese zeichnen sich vor allem durch eine herausragend hohe elektrische und thermische Leitfähigkeit aus. In Form von Dispersionen können sie in verschiedene Matrix-Systeme eingebracht werden, als Imprägnierung z. B. bei Textilien, Leder, Papier und Slush-Häuten. Auch mit niedrigen Konzentrationen an Kohlenstoff-Nanomaterial können sehr gleichmäßig beheizbare Flächen realisiert werden, die zudem gefahrlos mit Niederspannung betrieben werden können.
Neben der Temperatur beeinflussen Licht und Farbe das Wohlbefinden im Fahrzeug - Stichwort „Ambiente Beleuchtung". Vielfältige Möglichkeiten eröffnet die Elektrolumineszenz, die Emil Enz, Geschäftsführer, Lumitec AG (Schweiz) vorstellte. Lumitec hat zusammen mit Bayer Material Science eine neuartige Leuchtfolientechnik entwickelt, die „Smart Surface Technology". Sie wurde im Automobil erstmals im Rahmen des Concept Cars „Senso" von Rinspeed installiert, das 2005 auf dem Genfer Automobilsalon Premiere hatte. Das Material lässt sich in jede beliebige Form bringen. Zudem ist ein Hinterziehen sowie -spritzen möglich. Die Smart Surface Technology kann auf Materialien wie Textil, Leder, Holz oder Chrom transferiert werden und erlaubt neue Designeffekte - ein besonderes Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb.
Im Wettbewerb um die Kunden wird auch die Nutzung der Olfaktorik zukünftig eine zunehmende Rolle spielen, so die Überzeugung von Prof. Dr. Dr. med, Hanns Hatt, Ruhr Universität Bochum. Es gibt keinen Sinn, der mehr Emotionen auslöst als der Geruchssinn. Studien zeigen, dass Düfte Körperreaktionen hervorrufen und damit auch das Verhalten beeinflussen können.
Insgesamt rund 350 verschiedene Rezeptoren reagieren auf spezifische Duftmoleküle. Für jeden Rezeptor gibt es einen so genannten Anti-Duft, mit dem er blockiert werden kann. Somit gilt freie Fahrt für angenehme Düfte, unangenehme Gerüche könnten dagegen ausgeschaltet werden.
Das Auto stellt einen idealen Raum dar, um mit Düften zu arbeiten. Im Idealfall können Düfte die Kaufentscheidung und Kundenbindung, sogar das Fahrverhalten und die Aufmerksamkeit positiv beeinflussen.
Antrieb und E- Mobilität
Die von Prof. Michael Zäh, Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften (iwb), TU München in Garching, moderierte Vortragsreihe stand im Zeichen der Analyse und Diskussion von Vor- und Nachteilen unterschiedlicher Antriebssysteme. Die technologischen Trends, der künftige Einsatz von Verbrennungs- bzw. Elektromaschinen sowie die daraus resultierenden Anforderungen an die Fahrzeuge wurden dabei ebenso angesprochen wie deren Marktchancen.
Nach dem Motto „Das eine tun, das andere aber nicht vergessen" zeichnete Prof. Wachtmeister von der TU München, Fakultät Maschinenbau, Lehrstuhl für Verbrennungskraftmaschinen, das Bild der Entwicklungstätigkeit für zukünftige Antriebstechnologien.
Erhöhung der Effizienz von Verbrennungsprozessen wirkt sich nicht immer auch positiv auf die Emissionen aus. Hier gilt es zu optimieren bzw. kombinierte Verfahren anzuwenden. Effizienzsteigerungen sind darüber hinaus in hohem Maße durch Reduzierung der Reibungsverluste zu erzielen. Auch der Einsatz unterschiedlicher Kraftstoffe ist zu evaluieren. Ebenso umriss er die Entwicklungen bei elektrischen Antriebssystemen. Nach heutigen Bewertungskriterien wird es künftig spezifische Einsatzgebiete geben für Verbrennungsmotoren sowie für Hybride und reine E-Fahrzeuge.
Energieeffizienz z. B. durch Leichtbau und optimale Aerodynamik muss - unabhängig vom Antriebskonzept - weiter vorangetrieben werden.
Innovationspotenziale bieten auch traditionelle Antriebskomponenten wie Differentialgetriebe. So war das seit 1870 nahezu unveränderte Kegelraddifferential der Ausgangspunkt einer Entwicklung bei der Schäffler Technologies GmbH & Co. KG, Herzogenaurach. Durch den Wechsel vom Kegelrad- zum Stirnraddifferenzial sowie konstruktive Änderungen konnten um 30% geringere Einbaugrößen und ein um bis zu 70% geringeres Gewicht erreicht werden. Somit wird auch in diesem klassischen Antriebsbereich ein Beitrag zu effizienteren Antrieben für die Zukunft geleistet, so Thorsten Biermann.
Bei elektrischen Antrieben werden hybriden Systemen mit Range Extendern große Marktchancen prognostiziert. Dies resultiert insbesondere aus den Kundenerwartungen bezüglich der Reichweite der Fahrzeuge. Dazu beschrieb Anton Angermaier von AVL Software & Functions, Regensburg, den Wandel der Funktionsarchitekturen für Elektromobilität. Eine der Kernaussagen hierzu war, dass die Softwaregestaltung skalierbar alle Anforderungen der Hardware abbilden muss, um die Komplexität verschiedener Konzepte deutlich zu reduzieren. Zentrales Element ist auch die intelligente Verteilung der Systemleistung. Energiemanagement im Fahrzeug ist somit eine der Hauptaufgaben der Entwickler.
Die Downsizingpotenziale für E-Maschinen und Batterien in Elektrofahrzeugen durch die Nutzung mechanischer Getriebe stellte Uli Christian Blessing, GETRAG Group, Untergruppenbach, vor. Auch die Elektrofahrzeuge werden nicht ohne Getriebe auskommen: Bereits mit 2 Übersetzungsstufen kann bei optimierter Motorenauswahl der Wirkungsgrad signifikant gesteigert werden. GETRAG bietet verschiedene Produkte und Systeme, darunter auch einen Boosted-Range Extender, für Hybrid- Electric- und Extended-Drive an.
Die mit elektrischem Fahren verbundenen Emotionen wurden eindrucksvoll von Franciscus van Meel, Audi AG, Ingolstadt, präsentiert. Die neue Modellfamilie e-tron greift unterschiedliche Technikkonzepte auf. Im sportiven Bereich überzeugt die Leichtbaustudie als Zweisitzer mit 2 E-Maschinen an der Hinterachse - dieses Fahrzeug war ebenfalls in der Ausstellung bei Zulieferer Innovativ 2010 zu bestaunen. Mit dem A1 e-tron stellt Audi momentan einen alltagstauglichen Kompaktwagen im Premiumsegment vor. Das Antriebskonzept sieht hier einen Verbrennungsmotor als Range Extender vor. Elektrofahrzeuge werden als Teil der nachhaltigen Konzernentwicklung bei Audi gesehen, so van Meel zu den Audi-Entwicklungsaktivitäten.
Strategien und Wettbewerb
Die markt- und technologieorientierte Vortragsreihe unter Moderation von Prof. Thomas Amling, HWTK Leipzig, zeigte praxisnahe und wettbewerbsrelevante Beispiele zum Risikomanagement, zum Technologietransfer sowie aktuelle Forschungs- und Entwicklungsprojekte.
Die Sicherung der eigenen Wertschöpfung, die Stärkung der Innovationsfähigkeit sowie die Gewährleistung von Qualitätsmaßstäben stellen wesentliche Elemente der Wettbewerbsstrategien eines Zulieferers dar. Dass Risiko- und Chancenmanagement zwei Seiten derselben Medaille sind und was dies konkret für ein mittelständisches Unternehmen bedeutet, stellte Christian Wallstabe, Dichtungstechnik Wallstabe & Schneider GmbH & Co. KG, Niederwinkling, anschaulich dar. „Gerade in den wirtschaftlich turbulenten Zeiten in 2009 mussten die Instrumente des Risikomanagements einer echten Prüfung standhalten und haben sich bewährt", so Wallstabe. Die daraus resultierende solide Liquidität des Unternehmens sorgte nicht zuletzt dafür, dass es auch in stürmischen Zeiten das Vertrauen der Banken genoss. Zudem wurde durch systematisches Risikomanagement die sinnvolle Priorisierung von Versicherungen möglich.
Für eine funktionierende Risikobeherrschung ist die Qualitätssicherung unverzichtbar. In Anlehnung an das berühmte Faust-Zitat interessiert man sich in der Entwicklung der Röntgentechnik dafür, „was Bauteile im Innersten zusammen hält" so Dr. Randolf Hanke, Fraunhofer Entwicklungszentrum, Fürth. Die modernen Messverfahren und -apparate erlauben mikroskalige Einblicke auch bei großen Bauteilen und geben wertvolle Auskunft für die Bauteilsicherheit. „Für die Prüfung von Gussbauteilen mit 25 cm Kantenlänge erreichen wir heute Taktzeiten von 25 Sekunden, was eine effiziente Inline-Prüfung ermöglicht", wie Dr. Hanke den Bogen zur Automobilproduktion spannte. Der im Bau befindliche XXL-Computertomograph des Fraunhofer-Entwicklungszentrums in Fürth soll zudem eine Prüfung ganzer Fahrzeuge mit einer Auflösung von ca. 1 mm ermöglichen und somit neue Maßstäbe setzen. Dies wir gerade im Hinblick auf den weiter zunehmenden Leichtbau mit dünneren Wandstärken, selbst an hoch belasteten Stellen, von besonderer Bedeutung.
Bei den heute vornehmlich in der Medizintechnik eingesetzten Computertomographen sind flexible Leiterplatten eine echte Schlüsseltechnologie. Für diese gilt die Automobilindustrie als wichtiger Wachstumsmarkt. Dr. Wolfgang Bochtler, Geschäftsführer, Freudenberg Mektec GmbH, Weinheim, zeigte, dass Europa in einem von asiatischen Herstellern dominierten Markt durchaus ein Produktionsstandort mit Vorreiterrolle sein kann. Bisher sind europäische OEMs führend beim Einsatz dieser Technologie in Fahrerassistenzsystemen sowie der bauraumoptimierten Integration des Infotainments. Der Einsatz flexibler Elektronikkomponenten bringt dabei nicht nur Platzvorteile sondern spart zudem Arbeitsschritte in der Montage. „Die Verwendung flexibler Leiterplatten ist ein prozesskettenübergreifendes Entwicklungsprojekt und wir verstehen uns als strategische Partner der OEMs", so Bochtler.
Die prozesskettenübergreifende Zusammenarbeit spielt auch gerade für die Elektromobilität eine große Rolle. Einen Einblick in strategische Fragestellungen eines Tier-1-Zulieferers mit Blick auf diesen entstehenden Markt gewährte Edmund Erich von der Delphi Deutschland GmbH, Wuppertal. „Die Glaskugel ist etwas kleiner geworden", konstatierte Erich in Bezug auf die Zukunftsszenarien. Über die Energiespeichertechnologie hinaus spielen dabei neue Bordnetzarchitekturen und Werkstoffe eine große Rolle, da bisherige Systeme den Sicherheits- und Gewichtsanforderungen in einem Elektrofahrzeug nicht mehr genügen würden. Um die bestehenden Herausforderungen, wie beispielsweise die Übertragung der notwendigen hohen elektrischen Leistungen bei Einhaltung von Gewichts- und Kostenzielen meistern zu können sind gemeinsame Entwicklungsanstrengungen von Zulieferern, OEMs sowie der Forschung unabdingbar.
Eine derartige Kooperation im Rahmen eines BMBF geförderten Projektes für Produktionsforschung präsentierten Anja Jäschke, Audi AG, Ingolstadt und Dr. Marco Wacker, Jacob Plastics GmbH, Wilhelmsdorf Zu ihrem Entwicklungsteam gehören Vertreter von fünf Unternehmen und einem wissenschaftlichen Institut. Ziel ist die Etablierung eines Herstellungsverfahrens für faserverstärkte Thermoplaste aus Organoblech mittels Spritzguss und Thermoformen, um den Leichtbau von Crash-relevanten Teilen ohne den Einsatz teurer Werkstoffe und Prozesse ermöglichen.. „Mit Hilfe der Verfahrenskombination aus Thermoformen und Spritzguss ist es gelungen, eine wirtschaftliche und prozesssichere Alternative zum Leichtbau mit Aluminium zu schaffen", so Jäschke.
Strategien sind stets unternehmensspezifisch und somit sehr vielfältig. Die Vortragsreihe „Strategien & Wettbewerb" spannte deshalb mit exemplarischen Beispielen bewusst einen weiten Bogen vom Risikomanagement über die Qualitätssicherung bis hin zu strategischen Kooperationen und vermittelte damit den Teilnehmern wertvolle Impulse für ihre eigenes Vorgehen.
In der Ausstellung präsentierten 195 Aussteller aus Wirtschaft und Wissenschaft aus dem nationalen und internationalen Umfeld aktuelle Entwicklungen von Produkten und Systemen.
Gezeigt wurden u. a. innovative Konzeptfahrzeuge wie der AUDI e-tron, der Semcon „Mini Cup" und der KTM X-BOW mit Carbon-Cockpit von Wethje. Großes Interesse fand auch die von EDAG gezeigte Multi-Material-Leichtbau-Struktur des Technologieträgers EDAG Light Car. Vielbeachtet war ein Konzeptfahrzeug von HS Genion und ESG als Technologieträger für Systeme rund um das Elektrofahrzeug. Produkte und Systeme u. a. aus den Bereichen Antriebsstrang, Elektronik, Mechatronik, Bordnetz, Leichtbau und Interieur wie auch aus der Produktionstechnik, dem Werkzeugbau und der Softwareentwicklung gaben einen breiten Einblick in die Innovationskraft der Aussteller. Diese zeigten sich hochzufrieden mit der Qualität der Kontakte vor Ort. Sie betonten insbesondere, dass durch das große Spektrum an Themen in Kongress und Ausstellung und die passende Zusammensetzung der Teilnehmer viele neue Impulse, auch aus anderen Technologiebereichen, aufgegriffen werden konnten.
Als Abschluss-Highlight zum Kongress zeigte Christian Gansch, Dirigent und Consultant, auf eine einzigartige Art und Weise verblüffende Parallelen zwischen dem Management eines Orchesters und dem eines Unternehmens bzw. eines Innovationsteams.
Für einen erfolgreichen Auftritt eines Sinfonieorchesters mit 100 Musikern sind Einheit und Homogenität entscheidend. Dahinter stehen jedoch komplexe Strukturen und Abstimmungsprozesse. Technik, Disziplin und gegenseitiger Respekt sind der Dreiklang eines jeden Orchesters. Respekt hält ein Orchester zusammen nicht künstlich verordnete Harmonie", so Christian Gansch.
Ein Orchester verfügt je nach Größe über 15 Abteilungen und 30 Führungsaufgaben. Ressortegoismen und Silodenken sind hier fehl am Platz, denn „60 Streicher müssen schon mal ihre Strategie ändern, damit man die Flöte hören kann". Hier kommt das orchestrale Denken zum Tragen - aufeinander hören und miteinander handeln.
Der Dirigent ist für Inspiration, Vision und das übergeordnete Ergebnis verantwortlich. Ihn zeichnen Fach- und Wahrnehmungskompetenz, Initiative und Sensibilität aus. Er muss wahrnehmen was seine Leistungsträger beflügelt oder verunsichert. Die Motivation der Mitarbeiter muss allerdings intrinsisch sein. „Führen heißt zuhören. Sich selbst zurücknehmen und dirigieren; und vor allem auch kleine Rollen wertzuschätzen sowie die Mitarbeiter zu informieren."
Das Orchester benötigt für eine schnelle und präzise Interaktivität ein Wechselspiel zwischen unterschiedlichen Charakteren und Kompetenzen. Dadurch kann sich das Orchester immer wieder rasch an verschiedenste Bedingungen anpassen und dadurch bei jedem Auftritt Höchstleistung erbringen. Den das Publikum muss jedes Mal neu erobert werden; jede Veranstaltung ist ein eigenständiges Ereignis...dies gilt auch für jeden Kongress.
Und das wird auch für den nächsten Kongress „Zulieferer Innovativ 2011" gelten, der am 6. Juli 2011 wieder im Audi Forum Ingolstadt stattfinden wird.
Ansprechpartner
Dr.-Ing. Stefanie Wrobel
Gabriel v. Lengyel-Konopi
Prof. Dr. Josef Nassauer